Präsident der russischen Republik Dagestan tritt zurück – Hintergünde

Ramazan Abdulatipov (Рамазан Абдулатипов), der bisherige Präsident der russischen Republik Dagestan, ist auf seinen eigenen, am 27. September geäußerten Wunsch hin, gestern von Putin von seinen Aufgaben befreit worden. Dass er jedoch tatsächlich auf seinen eigenen Wunsch hin den Posten verlässt, darf bezweifelt werden, auch wenn dies offizieller Wortlaut ist. Denn er ist innerhalb einer Woche bereits der vierte Oberhaupt eines, von insgesamt 85 russischen "Förderationssubjekten" (ähnlich zu Bundesländern in Deutschland), der seinen Posten vorzeitig verlassen musste/"wollte".
Ramazan Abdulatipov Präsident von Dagestan (Russland)
Darauf, dass er nicht freiwillig gegangen ist, deutet Folgendes:
Sein Nachfolger, Vladimir Abdualievich Wasiljew (Владимир Абдуалиевич Васильев), ist ein ranghoher Politiker aus Moskau (Vater Aserbaidschaner, Mutter Russin), mit einer steilen Karriere im russischen Innenministerium (=Sicherheitsstrukturen) und Erfahrung bei der Bekämpfung von organisierter Kriminalität und Terrorismus. Unter anderem war er stellvertretender Stabsleiter während des Terroranschlags auf das traurig-berühmte Musical "Nord-Ost" in Moskau im Jahr 2001. 1997-1999 war er des Weiteren erster Stellvertreter des Innenministers und zugleich Leiter der "Hauptverwaltung für organisierte Kriminalität". Seit 2012 bis gestern (03.10.2017) war er Stellvertreter des Vorsitzenden des russichen Parlaments (Staatsduma/Duma) und zugleich Vorsitzender der Duma-Fraktion der herrschenden Partei "Einiges Russland".
Vladimir Abdualievich Vasiliev

Es darf also bezweifelt werden, dass so ein Wechsel einfach umstandshalber passiert. Wasiljew soll erst im September 2018 durch Wahlen in seinem neuen Amt bestätigt werden.

Maxim Schewchenko (Максим Шевченко) - ethnisch russischer und christlich-orthodoxer Journalist, Menschenrechtler, Islam- und Kaukasusexperte mit einer hohen Popularität innerhalb der islamischen, kaukasischen und vor allem dagestanischen Bevölkerung sowie mit einem guten, direkten Draht zu Putin und zugleich zu der russischen Opposition ( Echo Moskaus) - meint, dass die Ernennung von Wasiljew, das Beste wäre, was den Dagestanern passieren konnte.  

Maxim Schewchenko / Schevchenko, Kaukasus- und Islam-Experte, Journalist, Menschenrechtler

Schewchenko genießt offensichtlich als Mitglied des  Rates für Angelegenheiten der Entwicklung der zivilen Gesellschaft und für Menschenrechte unter der Schirmherrschaft des russischen Präsidenten Putin, dessen Gunst und kann sich solche Dinge wie das hier erlauben:

In diesem Video wirft Schewchenko der Regierung von Dagestan persönlich Willkür und kriminelle Machenschaften vor, nachdem er Mitte 2016 sich mit in Untersuchungshaft sitzenden, angeblichen "islamistischen Gefährdern", deren Angehörigen und zivilen Organisationen im Rahmen seiner Tätigkeit als Mitglied des Rates für Menschenrechte traf.  Hier eine längere Version des offenen Streites mit Mitgliedern der dagestanischen Regierung.

Und im folgenden Video von März 2017 fordert er den Rücktritt des dagestanischen "Regimes" wegen der Willkür und Unzufriedenheit der dagestanischen Bevölkerung mit der Regierung bzw. der verschlechterten Lebenssituation während der Amtszeit Abdulatipovs.

Nach diesen Auseinandersetzungen und zahlreichen Aufforderungen aus der Bevölkerung Dagestans heraus, kündigte Schewchenko seine Kandidatur bei den Abgeordneten-Wahlen in das dagestanische Parlament an. Jedoch lehnten die dagestanischen Behörden seine Kandidatur mit hanebüchenen Ausreden ab.

Und folgenden Video textet Schewchenko im Dezember 2016  Putin persönlich fast 7 Minuten lang bezüglich seiner Arbeit in Dagestan und Kaukasus insgesamt zu und erzählt von dortigen Menschenrechtsverletzungen. Unter anderem sollen in Dagestan 20.000 Menschen (bei knapp 3 Millionen Einwohnern) willkürlich als "Gefährder" (Wahabiten/Salafisten) von den Behörden offiziell eingestufft worden sein und zwar, seinen Worten nach, ohne jegliche rechtliche Grundlage (ohne Gerichtsbeschlüsse oder Beschlüsse der Staatsanwaltschaft) und werden zusammen mit ihren Familien dadurch zahlreicher Grundrechte beraubt ohne, dass sie sich dagegen auf dem Rechtsweg wehren könnten und fordert Putin schließlich auf, die General-Staatsanwaltschaft zu beaftragen Ermittlungen in Sachen dieser sogenannten "antiterroristischen Maßnahmen" der dagestanischen Behörden aufzunehmen. Im Anschluss an sein Bericht stimmt Putin ihm zu, dass jegliche antiterroristische Maßnahmen im Rahmen der geltenden Gesetze Russlands zu erfolgen haben und sichert ihm zu sich mit den von Schewchenko vorgetragegenen und an Putin persönlich in Form einer dicken Mappe weitergegebenen Angelegenheiten zu beschäftigen. In einem anderen Interview mit "Echo Moskaus" behauptete Schewchenko, dass alles was bei Putin auf dem Tisch landet, von ihm auch tatsächlich angegangen würde. Das Problem würde "lediglich" darin liegen, an Mittelsmännern vorbei zu kommen, die verhindern könnten, dass bei ihm etwas auf dem  Tisch landet. Offensichtlich auch deshalb die Übergabe der Mappe direkt bei dem Meeting.  Würde mich daher nicht wundern, wenn die Absetzung Abdulatipovs direkte Folge Schewchenkos Engagement sein sollte.

Randinfo: Die Republik Dagestan galt neben Tschetschenien lange als größtes Brandherd Russlands wo Terroranschläge (oder laut Schewchenko als Terroranschläge verdeckte Mordaufträge der dagestanischen Clans und Mafia) an der Tagesordnung waren. Das Gebirge zusammen mit der Grenze zu Georgien im Norden der Region dient ausserdem für CIA-finanzierte "islamistische" Terroristen als Rückzugsgebiet und Georgien dabei als Transitland in die Türkei, wo für sie günstige Bedingungen herrschen (oder zumindest lange Zeit herrschten).

In 2013 wurde der Bürgermeister der dagestanischen Hauptstadt Makhachkala, Said Amirov, in einer aufsehenerregenden Aktion durch Spezialeinheiten des Geheimdienstes FSB wegen Mordverdacht verhaftet und 2015 zur lebenslanger Haft verurteilt:

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