Karma: Das Rad des Lebens – von Sant Kirpal Singh

 
 Übersetzung aus englischen Vorlagen durch Schüler Param Sant Kirpal Singhs.

Das Rad des Lebens

 

Unser Karma – unser Schicksal

 
 
Alles im Universum folgt
Einem gerechten Gesetz,
dem Gesetz der Kausalität,
dem Gesetz von Ursache und Wirkung,
dem Gesetz des Karmas.
 
                                   Gautama Buddha
 
 
 
Karma – Begriff und Hintergrund
 
  
Täuschet euch nicht!
Gott lässt keinen Spott mit sich treiben.
Was der Mensch sät, wird er ernten.
 
Gal. 6,7
 
 
Den Schwierigkeiten des erdgebundenen Lebens gegenüberstehend ringt der Mensch um einen Ausweg. Wohin er sich auch wendet, sieht er seinen Weg nach oben durch unsichtbare Hindernisse versperrt. Warum all die scheinbaren Ungleichheiten auf der Welt? Warum ist dem Menschen der Weg zu seiner ursprünglichen Heimat – der Heimat seines himmlischen Vaters – verwehrt? Warum kann er nicht seiner unbekannten Vergangenheit entfliehen? Wohin soll er sich wenden, um das rettende Licht der reinen Wissenschaft des Seins zu finden? Diese Fragen führen den suchenden Geist zur Erforschung des umfassenden Gesetzes der Ursache und Wirkung.
 
Der Begriff „Karma“ wird in vielen philosophischen und religiösen Schriften Indiens häufig verwendet. Von den Priestern und Predigern wurde er in der Tat so oft auf negative Weise gebraucht, dass viele dazu gelangten, ihn als vermeintliches Hindernis auf dem Weg zur spirituellen Erlösung anzusehen. Da er dem Westen fremd ist, wird er gewöhnlich ohne genügende Erklärungen übergangen. Alle Meister niederer Grade oder Stufen sprechen von Befreiung durch das Vollbringen von Handlungen, ohne dass sie an ihre Früchte oder Auswirkungen gebunden sind oder nach ihnen verlangen. Doch das ist nur eine Teilwahrheiten und halbes Wissen.
 
Das Gemüt ist es gewohnt, die Frucht seiner Handlungen zu kosten. Wie kann es diese Gewohnheit aufgeben? Geistige und körperliche Übungen (Sadhans) mögen als Mittel dienen, das Gemüt bis zu einem gewissen Ausmaß zu schulen. Doch auf die Dauer wird sich seine Gewohnheit, die Erfahrung genießen zu wollen, durchsetzen. Das Gemüt kann die weltlichen Freuden nur aufgeben, wenn es eine Art höherer Freude erfährt.
 
Die Heiligen erfuhren eine weitaus größere Freude – ein ekstatisches Glück, indem sie sich mit dem Wort Gottes oder dem göttlichen Tonprinzip (Naam) verbanden. Wenn das Gemüt einmal in diesen Tonstrom vertieft ist, wendet es sich von der Welt ab. Es ist gewohnt, weltlichen Dingen nachzulaufen und sich von einer Sache auf die andere zu stürzen. Wir brauchen es nun nicht an seine Bewegung zu hindern, die ein ganz natürlicher Ausdruck seines Wesen ist, sondern es nur in seine Richtung, von der äußeren Welt unten nach oben in die innere Welt, umzukehren. Das heißt, wir müssen unsere wandernden Gedanken kontrollieren und die geistigen Energien in rechten Bahnen lenken, um uns dauerhafter und beständiger Ergebnisse zu versichern. Das wird durch regelmäßiges Üben oder Vertieftsein in den Tonstrom (Naam) erreicht. Das ist die einzige Weise, das Gemüt allmählich zu schulen und durch Verfeinerung der Geistesströme schließlich unschädlich zu machen; dann kommt die Seele zu sich und kann den Weg zu ihrer ursprünglichen Quelle – der Überseele oder All- Seele – frei und ungehindert beschreiten. So können die Heiligen, die diesen Pfad, den Pfad des „Vertieftsein im heiligen Wort oder dem heiligen Ton“ (Surat Shabd Yoga), selbst gegangen sein, uns nicht nur befähigen, dass wir uns vom karmischen Kreislauf von Handlung und Rückwirkung befreien können, sondern sie gewähren uns auch den Zutritt zum Reich Gottes, das in uns liegt.
 
Nun erhebt sich die Frage: Wie können die Karmas gelöscht oder unwirksam gemacht werden? Für jene, die wirklich auf der Suche nach Selbsterkenntnis und Gotterkenntnis sind, gibt es einen Ausweg aus dem Labyrinth der Naturgesetze, in dem wir sonst unentrinnbar gefangen sind. Der Zutritt zu diesem Ausgang oder der Weg heraus aus diesem karmischen Dschungel, der sich unvorstellbar weit in der Vergangenheit erstreckt, wird uns durch die erlösende Gnade des wahren Meisters enthüllt. Wenn er uns einmal in seiner Obhut genommen und mit dem ewigen, heiligen Wort oder dem Tonstrom verbunden hat, sind wir nicht mehr in Reichweite des Todesengels (Yama), der den negativen Aspekt der höchsten Kraft darstellt und jedem einzelnen im Universum entsprechend seinen Taten Gerechtigkeit zuteil werden lässt.
 
Jede Tat eines lebenden Wesens verursacht Karma, ob wissentlich oder unwissentlich vollbracht und ganz gleich, ob noch in latenter Form als Gedanke oder geistige Schwingung, als gesprochenes Wort oder tatsächliche Handlung verübt.
 
Damit der Leser durch den Begriff „Karma“ nicht verwirrt wird, ist es wohl angebracht, dieses Wort in seinem rechten Zusammenhang zu erklären. Das Wort Karma bedeutet ursprünglich Opferbräuche und Rituale (yajnas), die von dem einzelnen nach den Anweisungen der heiligen Bücher vollzogen wurden, Später schloss es jedoch alle Tugenden, soziale und selbstreinigende, wie Wahrhaftigkeit, Reinheit, Enthaltsamkeit, Mäßigkeit, Nicht-Verletzen (ahimsa), allumfassende Liebe, selbstloses Dienen und alle Taten wohltätiger und menschenfreundlicher Art ein. Kurz gesagt, man legte großen Nachdruck auf die Entfaltung der Eigenschaften des Selbst (Atam-gunas), die helfen, das Gemüt zu beherrschen und die geistigen Kräfte in die rechte Richtung zu lenken, um den höheren Zweck der Befreiung des gefangenen Geistes (Atman) zu dienen.
 
Die Karmas werden im allgemeinen in verbotene, erlaubten und vorgeschriebene eingeteilt. Alle Karmas erniedrigender und schädlicher Art (Nashedh) werden zu den verbotenen gerechnet, da sich dem Laster hinzugeben Sünde ist und der Sünde Sold der Tod ist. Man bezeichnet sie als Kukarmas oder Vikarmas. Als nächstes kommen die erhebenden Karmas, die einem Menschen helfen, höhere Ebene (Swarag, Baikunth, Bahist) oder das Paradies zu erreichen. Das sind die Sukama- Karmas oder Sukarmas; Karmas, die man ausführt, um gute Wünsche oder Bestrebungen zu verwirklichen, und die daher zulässig und erlaubt sind.
 
Außerdem gibt es noch Karmas, deren Erfüllung den Angehörigen der verschiedenen Gesellschaftsschichten (varns) von den Schriften vorgeschrieben wird und die als unumgänglich angesehen werden (die soziale Ordnung Indiens besteht erstens aus der Klasse der Priesterschaft, den Brahmanen, die sich mit dem Studium und der Lehre der Schriften befasst; zweitens aus der Kriegerkaste, den Kshatriyas, die eine Streitmacht zu Verteidigungszwecken bildet; drittens aus den Menschen, die Handel oder Landwirtschaft betreiben, den Vaishyas; und viertens aus den Menschen, die den anderen drei Klassen dienen, den Sudras). Zu den vorgeschriebenen Karmas gehören auch die, welche von den verschiedenen Lebensabschnitten, die man Ashrams nennt, bestimmt werden. (Die vier Ashrams, Brahmcharya, Grehastha, Vanprastha und Sanyas, stimmen in etwa überein mit den Perioden der Erziehung und Bildung, des Ehelebens als Familienvater, des Asketentums als Entsagender oder Einsiedler, der sich in der Abgeschiedenheit eines Waldes in tiefe Meditation versenkt, und mit der Stufe des spirituellen Pilgers, der den Menschen die Frucht seiner lebenslangen Erfahrung vermittelt. Bei einer Lebensspanne von 100 Jahren umfasst jeder dieser Abschnitte einen Zeitraum von 25 Jahren.)
 
Diese Karmas werden Netya- karmas genannt; es sind Handlungen, deren Ausführung in Beruf und allen Lebenslagen für jeden ein tägliches „Muss“ ist.
 
Als Richtlinie ethischen Verhaltens leistet das karmische Gesetz einen wertvollen Beitrag zum materiellen und moralischen Wohlergehen des Menschen auf der Erde und bereitet den Weg zu einem besseren Leben in der Zukunft, und zwar in allen vier Bereichen des menschlichen Lebens – dem weltlichen, dem materiellen oder wirtschaftlichen, dem religiösen und dem spirituellen. Begriffe wie Kama (Erfüllung der Wünsche), Artha (wirtschaftliches und materielles Wohlergehen), Dharma (die moralische und religiöse Grundlage, die das Universum trägt und erhält) und Moksha (Erlösung) deuten bereits an, dass die Handlungen oder Karmas eine entscheidende Rolle spielen. Die moralische Reinheit stellt natürlich die bestimmende Kraft für das Gelingen einer jeden Bemühung dar. Und damit die Karmas auch die gewünschte Frucht tragen, ist es notwendig, sie mit ungeteilter und zielbewusster Aufmerksamkeit und liebevoller Hingabe auszuführen.
 
Daneben gibt es noch eine andere Art von Karma – das Nish- Kama- Karma, das ohne jede Gebundenheit und ohne Verlangen nach seinen Früchten oder Auswirkungen vollbracht wird. Es ist allen anderen Arten von Karma überlegen, die mehr oder weniger eine Quelle der Gebundenheit sind; und es vermag einen in geringem Ausmaß sogar von der karmischen Gebundenheit, doch nicht von den Auswirkungen des Karmas selbst zu befreien. Man sollte jedoch zur Kenntnis nehmen, das Karma an sich keinerlei bindende Wirkung hat. Einzig Karma, das aus dem Wunsch (Kama) geboren ist, führt zu Gebundenheit. Aus diesem Grund lehrte Moses, „nicht zu begehren“, und darum legten Buddha und der zehnte Guru der Sikhs, Guru Gobind Singh, immer wieder solch großen Nachdruck auf die Notwendigkeit, wunschlos zu sein. Karma ist also zugleich Mittel wie auch Ziel allen menschlichen Strebens. Denn durch Karmas überwindet und überschreitet man die Karmas. Jeder Versuch, das karmische Gesetz zu umgehen, ist so sinnlos wie der, über den eigenen Schatten zu springen. Das höchste Ziel ist, Karma in Übereinstimmung mit dem göttlichen Plan (Neh-karma oder Karmavehat) als bewusster Mitarbeiter der Gotteskraft auszuführen: tatenlos in der Tat zu sein, wie der ruhende Punkt im sich unaufhörlich drehenden Rad des Lebens.
 
Wiederum muss man den Begriff Karma und das Wort Karam unterscheiden. Karma kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Handlung oder Tat und umfasst auch geistige Schwingungen und gesprochene Worte, während das persische Wort Karam Güte, Mitleid, Barmherzigkeit oder Gnade ausdrückt.
 
Was nun das Wesen des Karma betrifft: Nach der Jain-Philosophie ist es stofflicher Natur, geistig und körperlich zugleich, wobei das eine mit dem anderen als Ursache und Wirkung verbunden ist. Das ganze Universum wird von Materie in feinster und psychischer Form durchdrungen. Und sie durchdringt selbst die Seele, da diese in einer Wechselwirkung zur äußeren Materie steht. Auf diese Weise baut sich die individuelle Seele (jiva) ihr eigenes Nest, einem Vogel gleich. Durch den feinstofflichen Körper (Karman-Srira) wird sie gefangen gehalten und bleibt in ihm gebunden, bis sein empirisches Selbst entpersönlicht und zur reinen Seele wird, die in ihrem angeborenen Glanz erstrahlt.
 
Der feinstoffliche Körper ist die karmische Hülle (Karman-Srira), welche die Seele umschließt, und sie besteht aus acht die Materie erzeugenden Energieströme, den prakritis, die den acht Arten karmischer Atome entsprechen und verschiedene Wirkungen auslösen, die von zweifacher Art sind:
 
Karmas, welche die rechte Sicht trüben, wie zum Beispiel:
 
Karma, das die rechte Wahrnehmung oder das rechte Verstehen im allgemeinen behindert (Darshan- avarna);
 
Karma, das die rechte Einsicht oder das Begriffsvermögen begrenzt (Janan-Avarna);
 
Karma, welches die der Seele angeborene glückselige Natur beeinträchtigt und somit angenehme oder schmerzliche Gefühle hervorruft (Vedaniya) und
 
Karmas, die den rechten Glauben, das rechte Vertrauen und das rechte Verhalten erschweren (Mohaniya). Alle diese Karmas wirken wie rauchgeschwärzte Gläser, durch die wir die Welt und alles, was zur Welt gehört, wahrnehmen. In der Sprache der Dichter wurde das Leben als „Dom aus vielfarbigem Glas“ beschrieben, der „die weiße Strahlung der Ewigkeit bricht.“
 
Dann gibt es Karmas, die den Menschen zu dem machen, was er ist, denn durch sie werden
 
der physische Körper,
 
Alter und Lebensdauer,
 
Der gesellschaftliche Rang und
 
Die geistige Beschaffenheit bestimmt.
 
Sie sind als Naman, Ayus, Gotra und Antraya bekannt.
 
Diese Arten werden wiederum in Gruppen und Untergruppen gegliedert, die Hunderte von Verzweigungen bilden.
 
Die karmischen Artikel, die sich im Raum verteilen, werden wohl oder übel von jeder Seele entsprechend der Erfordernissen der Tätigkeit angezogen, der sie sich gerade hingibt. Diesem ständigen Zufluss von Karma kann man nur Einhalt gebieten, indem man die Seele jeglicher Tätigkeit von Körper, Gemüt und Sinnen befreit und sie an ihrem Zentrum festhält und gleichzeitig die angesammelten Karmas durch Fasten, Enthaltsamkeit, das Lesen heiliger Schriften, Loslösung und Reue, Meditation (tapas, saudhyaya, vairagya, prashchit dhyan) und ähnliches verringert.
 
Auch Buddha legte großen Nachdruck auf ständiges Mühen und Ringen, um den endgültigen Sieg über das Gesetz des Karma zu erlangen. Die Gegenwart mag durch die Vergangenheit bestimmt sein, doch die Zukunft ist unser und hängt vom bestimmenden Willen des einzelnen ab. Die Zeit ist eine ewige ununterbrochene Folge – die Vergangenheit führt unausweichlich zur Gegenwart und die Gegenwart zur Zukunft, wenn man so sagen will. Das Karma verliert nur dann seinen Einfluss, wenn man den höchsten Gemütszustand, der jenseits von Gut und Böse liegt, erlangt hat. Mit der Verwirklichung dieses Ideals ist all unser Ringen beendet, denn was ein Befreiter dann auch immer tut, geschieht ohne Gebundenheit. Das sich unaufhörlich drehende Lebensrad wird durch die karmische Energie angetrieben, und wenn sich diese Kraft erschöpft, kommt das riesige Rad des Lebens zum Stillstand. Denn dann erreicht man einen Punkt, wo sich Zeit und Zeitlosigkeit berühren, einen Punkt, wo man stets in Bewegung bleibt und im Innersten doch bewegungslos ist. Das Karma gibt uns ein Schlüssel zum Verständnis der Lebensvorgänge; und damit erhebt sich unser Bewusstsein von Stufe zu Stufe, bis wir zum völlig Erwachten oder Erleuchtetem oder Seher des Lichts (Buddha) geworden sind. Buddha war weit davon entfernt, das Universum als bloßem Mechanismus zu sehen; er betrachtete es vielmehr als einen Körper (Dharma-Kaya), der vom Lebensprinzip (Dharma) vibriert, das ihm gleichzeitig als Hauptstütze dient.
 
Kurz gesagt, das karmische Gesetz stellt ein strenges und unerbittliches Naturgesetz dar, aus dem es kein Entkommen gibt und das keine Ausnahmen macht. „Wie du säst, so wirst du ernten.“ Ist eine uralte, unumstößliche Wahrheit, die unser ganzes irdisches Leben bestimmt. Ihre Gültigkeit erstreckt sich auch auf manche der höheren materiell-spirituellen Bereiche, entsprechend dem Grad ihrer Dichte und ihrer besonderen Beschaffenheit. Karma ist das höchste Prinzip, das über Götter und Menschen herrscht, den auch die Götter kommen früher oder später unter seinen Einfluss. Die vielen Götter und Göttinnen in den mannigfachen Schöpfungsebenen benötigen eine weitaus längere Zeit als der Mensch, um in ihrer jeweiligen himmlischen Sphäre zu dienen; auch sie müssen sich schließlich im menschlichen Körper inkarnieren, bevor sie die endgültige Befreiung vom karmischen Kreislauf der Geburten erstreben und erlangen können.
 
Alle Arbeit, alles Handeln oder Tun bewirkt etwas Wesentliches im göttlichen Plan, wodurch der Ablauf des gesamten Universums in vollendeter Ordnung gehalten wird. Keiner kann auch nur für einen einzigen Augenblick ohne irgendeine Tätigkeit (geistiger oder körperliche Art) sein. Stets denkt oder tut man das eine oder das andere. Wir können unserer Natur nach nicht geistig leer oder untätig sein, noch vermögen wir die Sinne an ihrem unwillkürlichen Wirken zu hindern: Die Augen können nicht anders als sehen und die Ohren nicht anders als hören; und das Schlimmste ist, dass wir wie Penelope das, was einmal getan ist, nicht ungeschehen machen können. Reue, obwohl an sich gut, kann die Vergangenheit nicht ändern. Was immer man denkt, spricht oder tut, gut oder schlecht, hinterlässt einen tiefen Eindruck im Gemüt, und diese angesammelten Eindrücke formen den einzelnen zum Guten oder zerstören ihn. Wie man denkt, so wird man. Unser Mund spricht aus der Überfülle des Herzens. Jede Handlung hat eine Rückwirkung, wie es das Naturgesetz von Ursache und Wirkung bestimmt. Man hat demnach die Früchte seines Handelns zu ernten: süß oder bitter, je nachdem, ob es einen gefällt oder nicht.
 
Gibt es da kein Heilmittel? Ist der Mensch ein bloßes Spielzeug seines Loses oder Schicksals, das sich seinen Weg auf gänzlich vorherbestimmte Weise bahnt? Die Sache hat zwei Seiten. Wir haben bis zu einem gewissen Ausmaß einen freien Willen, mit dem wir, falls wir uns dafür entscheiden, unseren Lauf bestimmen und unsere Zukunft zum Guten oder Schlechtem wenden und selbst die lebendige Gegenwart in großem Ausmaß zu unserem Nutzen formen können. Mit der lebenden Seele ausgerüstet, die vom gleichen Wesen wie ihr Schöpfer, ist der Mensch mächtiger als das Karma. Das Unendliche in ihm kann ihm helfen, die Begrenzungen des Endlichen zu überschreiten. Die Freiheit zu handeln und die karmische Gebundenheit sind nur zwei Seiten der einen Wirklichkeit in ihm. Nur der mechanische und materielle Teil in ihm unterliegt den karmischen Begrenzungen, während der wirkliche und lebendige Geist in ihm alles überschreitet und von der karmischen Last kaum berührt wird, wenn er in seiner angeborenen göttlichen Natur begründet ist. Wie aber vermag man in seiner eigenen, wirklichen Form (saroop), dem „Atman“, verwurzelt zu sein? Das ist es, was wir notgedrungen lernen müssen, wenn wir danach streben, einen Ausweg aus der endlosen karmischen Verstrickung zu finden.
 
Die meisten unserer Schwierigkeiten rühren daher, dass wir nicht überlegen, was wir tun. Bei jedem Schritt fahren wir sorglos fort, eine Menge karmischer Partikel anzusammeln, ohne zu bedenken, dass es eine Kraft in uns gibt, die alles aufzeichnet, was wir denken, sprechen oder tun. Thomas Carlyle, ein berühmter Denker, sagte: „Du Narr! Glaubst du, weil kein Boswell da ist deine Worte zu vermerken, sie darum vergehen oder vergessen sind? Nichts stirbt, nichts kann vergehen. Das nichtigste Wort, das du sprichst, ist eine Aussaat in die Zeit, die Frucht trägt alle Ewigkeit.“ Gleiches sagt uns Aischylos, der Vater des griechischen Dramas vorchristlicher Zeit:
 
Tief im unteren Himmel lenkt der Tod mit strenger und kraftvoller Hand die Wege des Menschen. Keinen gibt es, der durch irgendeine Macht oder Tat seinem wachsamen Auge, seinem unfehlbaren Geist
zu entfliehen vermag.
                               
     aus den „Eumeniden“
 
 
 
 
 
Die drei Arten von Karma
 
Die Karmas wurden von den Heiligen Indiens in drei verschiedene Kategorien eingeteilt.

Speicher- oder Vorratskarma (Sanchit), das sind die angesammelten und aufgespeicherten Karmas, die aus früheren Inkarnationen stammen und weit in die unbekannte Vergangenheit zurückführen;
Schicksalskarma (Pralabdha), das ist unser Karma, das unsere Bestimmung oder unser Schicksal bewirkt; es besteht aus jenem Teil des Vorratskarmas, der die lebendige Gegenwart eines Menschen bestimmt und dem keiner entfliehen kann, wie sehr er es auch wünschen und versuchen mag;
Saatkarma (Kriyaman), das sind die Karmas, die in diesem irdischen Dasein oder der gegenwärtigen Lebenszeit ganz unserem freien Willen unterliegen und mit denen wir unsere Zukunft zum Guten wenden oder zerstören können.
 
Speicherkarma: Die guten oder schlechten Taten, die unser Guthaben bilden, das wir uns in all den früheren Leben in der Schöpfungsordnung erworben haben und das bis zu dem Tag zurückreicht, an dem das Leben auf der Erde zum ersten Mal in Erscheinung trat. Der Mensch weiß nichts über sie oder ihr Ausmaß und ihre große, verborgene Macht. König Dharitrashtra, der blinde Ahne der Kshatriya-Prinzen, der Kurvas des Heldenzeitalters, konnte die Ursache seiner Blindheit erst erkennen, als ihm Lord Krishna seine Yoga- Kraft übertrug. Sie war die Folge einer Handlung in unbekannter Vergangenheit, die über hundert Inkarnationen oder Verkörperungen zurücklag. Im 2. Buch Mose 20,5, sagt Moses, während er die zehn Gebote Gottes verkündet, dass Gott uns ermahnt: „Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation…“ Selbst die Medizin bestätigt uns heute die bedeutende Rolle der Vererbung und führt die Ursache bestimmter Krankheiten auf die Vorfahren zurück und zeigt, wie sie in den nachfolgenden Generationen zur Auswirkung kommen. Gleicherweise bringt die moderne Psychologie das problematische Verhalten mancher Menschen mit geistigen Besonderheiten ihrer Eltern und Ahnen in Verbindung.
 
Schicksalskarma. Das ist genau der Teil der Sanchit-Karmas, der die Fügung, Bestimmung oder das Schicksal eines Menschen bildet und die Ursache unseres gegenwärtigen Daseins auf Erden ist. Wir haben keine Macht über diese Karmas und müssen ihre Auswirkung, ob gut oder schlecht, nach bestem Vermögen ertragen – lächelnd oder unter Tränen. Das gegenwärtige Leben ist einfach eine Entfaltung oder Offenbarung der vorher festgelegten Karmas, mit denen wir vollbeladen in die Welt kommen. Durch die Anleitung einer Meisterseele ist es jedoch möglich, das innere Selbst so zu formen und zu entwickeln, dass man ihren bitteren und schmerzvollen Stachel nicht mehr empfindet, so wie der Stich einer Nadel den Kern einer reifen Mandel oder Walnuss nicht berührt, da er sich von der äußeren Schale gelöst hat, die dadurch austrocknete und hart wurde und ihm seither als schützender Panzer dient.
 
Auf diese weise schmiedet jeder von uns bereitwillig oder widerwillig, wissentlich oder unwissentlich seine Ketten, ganz gleich, ob sie aus Gold oder Eisen sind. Ketten bleiben stets Ketten, und sie sind beide gleich wirksam, einen Menschen in beständiger Gebundenheit zu halten. Wie eine arme Seitenraupe in ihren Kokon gefangen oder eine Spinne in ihrem Netz gefesselt ist oder wie ein Vogel in seinem Nest wohnt, so bleiben wir in selbstgeschmiedeten Stahlringen ohne jeden Ausweg gebunden. Auf diese Weise wird der Zyklus von Geburt, Tod und Wiedergeburt unaufhörlich in Bewegung gehalten. Nur wenn man das Körperbewusstsein überschreitet und tatenlos in der Tat wird (Neh-Karma) wie der stille Punkt im Zentrum des sich ewig drehenden Lebensrades, wird der Bewegung des gewaltigen karmischen Rades Einhalt geboten, denn dann wird man ein bewusster Mitarbeiter am göttlichen Plan.
 
Das ist der Grund, warum Buddha, der Prinz unter den Asketen, nachdrücklich sagte: „seid wunschlos“. Denn die Wünsche sind Grundursache des menschlichen Leides, da sie alle Handlungen auslöst, beginnend mit den feinen Schwingungen im Unterbewusstsein bis hin zu den Denkvorgängen des Bewusstseins, die dann zu der ungeheuren und grenzenlosen Ernte mannigfaltiger Taten verschiedener Farben und Formen führen, die der Unausgewogenheit des Gemüts entspringen. So wird der im Körperwagen sitzende Geist durch die fünf kraftvollen, von dem machtberauschten Wagenlenker – dem hilflosen und unausgeglichenen Gemüt – nicht beherrschten Sinnesrossen mit ihren lose herabhängenden Zügeln des Verstandes blindlings und kopfüber in den Bereich der Sinnesfreuden hineingezogen. Selbstdisziplin ist also von höchster Bedeutung; und Keuschheit in Gedanken, Worten und Taten ist ein unerlässliches Erfordernis, das einem Menschen auf dem Weg der Selbst- und Gotterkenntnis hilft, denn ein ethisches Leben ist ein Sprungbrett zur Spiritualität.
 
Saatkarma: Es ist die laufende Abrechnung unserer bewusst verübten Handlungen und Taten in diesem gegenwärtigen Dasein (Kriyaman). Diese Art von Karma ist ganz anders als die ersten beiden. Ungeachtet der Grenzen, die uns die unabänderliche Bestimmung (Pralabdh) auferlegt, ist jeder Mensch mit einem freien Willen begabt und gleicherweise frei, die Saat zu säen, die er ernten will. Mit der Gabe der Unterscheidungskraft ausgestattet, die allein dem Menschen zu eigen ist, kann er selbst beurteilen, was recht und was falsch ist; und daher wäre es eingebildet und überheblich von ihm, ein Bett aus Rosen zu erwarten, wenn er Disteln und Dornen sät. Es liegt ganz an ihm, die Zukunft nach seinem Willen zum Guten zu formen oder zu zerstören. Eine Meisterseele kann ihm die rechte Führung geben, indem sie ihm die wahren Werte des Lebens darlegt – eines Lebens, das mehr ist als das körperliche Gewand und alles, was es mit einem von den Sinnen beherrschten Dasein verbindet. Unter seiner Führung entwickelt man die Fähigkeit, sich leicht von der Welt und den weltlichen Belangen zu lösen; und wenn einmal der magische Bann gebrochen ist, fallen die Scheuklappen ab; die unverhüllte Wirklichkeit blickt einem direkt ins Gesicht und bietet dadurch die günstige Gelegenheit, unversehrt zu entkommen. Gewöhnlich tragen jedoch einige der Saatkarmas noch in diesem Leben Frucht, während andere, die nicht zur Reife gelangten, dem großen Konto der Speicherkarmas übertragen werden, die sich von Zeitalter zu Zeitalter anhäufen. So ist es einem jeden von uns gegeben, rechtzeitig zu überlegen und die Folgen seiner beabsichtigten Handlungen und Taten gut abzuwägen, bevor er einen unwiderruflichen Schritt wagt, einen Sprung ins Ungewisse oder einen unüberlegten Sturz in einem auf ewig bereuten Anfall von Heftigkeit, den er aber nicht ungeschehen machen kann, indem er dem vermeintlich unheilvollen Einfluss der Sterne die Schuld zuweist. Ein Eisenbahn- Ingenieur zum Beispiel muss die Strecke im voraus planen, denn wenn die Gleise einmal gelegt sind, fährt der Zug blindlings darauf. Ein kleiner Fehler beim Legen der Schienen, eine lockere Befestigung oder ein falscher Winkel können verhängnisvolle Folgen haben. Selbst wenn alles recht getan ist, muss er Tag und Nacht beständig und sorgsam wachen, dass nicht irgend etwas aus den Fugen gerät oder die Geleise womöglich von böswilligen Menschen beschädigt werden.
 
Gemäß den Naturgesetzen, die alles Leben bestimmen, ist der Mensch (die verkörperte oder inkarnierte Seele) wie ein kostbares Juwel in drei Schatullen oder Körper gehüllt – den physischen, astralen oder mentalen und den kausalen oder Saat-Körper – die alle mehr oder weniger irdischer Natur sind und verschiedene Grade der Dichte besitzen.
 
Auch gibt es Himmelskörper und irdische Körper. Die Schönheit der Himmelskörper ist anders als die der irdischen Körper.
 
                                              Kor. 15,40
 
Sie gleichen dem äußeren Gewand, das wir tragen: Jacke, Weste und dem Hemd darunter. Wenn der Mensch den physischen Körper ablegt, trägt sein Geist noch den Astral- oder Mental-Körper. Unter dem astralen Kleid ist er noch vom dünnen Schleier des kausalen oder ätherischen Saatkörpers bedeckt. Solange er nicht fähig ist, den physischen Körper abzulegen, kann er den ersten Himmel oder das Astralreich im Innern nicht betreten.
 
Damit will ich sagen, Brüder: Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben; das Vergängliche erbt nicht das Unvergängliche…
Denn das Vergängliche muss sich mit Unvergänglichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit. Wenn sich aber dieses Vergängliche mit Unvergänglichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist
dein Sieg?
 
                                 1.     Kor. 50 und 53-55
 
Das Ablegen des Körperkleides oder diese Umwandlung geschieht entweder durch die letzte Auflösung, diesen Zerfallsprozess, der gewöhnlich als Tod bekannt ist oder durch die Methode des willentlichen Zurückziehens der Sinnesströme vom Körper. Der Fachausdruck dafür ist das „Sich-erheben über das Körperbewusstsein“, welches durch einen Prozess der Umkehr und Selbstanalyse geschieht. Die Evangelien beschreiben dieses Zurückziehen als „Von-neuem-geboren-werden“ oder „Auferstehung“. Die Hinduschriften nennen es „Zweimal geboren-werden“ oder do-janma. Es ist eine Geburt des Geistes, die anders ist als die durch das Wasser (der äußeren Taufe) – denn die letztere ist aus „vergänglicher Saat“, wo hingegen die erstere aus „unvergänglicher Saat“ geschieht, die unveränderlich und beständig (da reinen Geistes) ist. Die Moslem-Derwische (Mystiker) nennen diesen Tod – im – Leben Tod vor dem Sterben. Durch die gütige Hilfe eines Meister-Heiligen, der selbst ins Jenseits schritt und anderen helfen kann, das gleiche zu tun, kann man lernen, wie man sich nicht nur vom physischen Körper, sondern auch von den beiden anderen Körpern (dem astralen und dem kausalen) zurückzieht. Man hat also „dem Fleisch um des Geistes willen zu entsagen“, wenn man danach verlangt, dem sich endlos drehenden Rad des Lebens auf diesem irdischen Gestirn (der Erde) zu entkommen.
 
Bei einem gewöhnlichen, natürlichen Verlauf der Dinge hat die verkörperte Seele oder der menschgewordene Geist (jiva) keine andere Wahl. Als nach dem physischen Tod wieder in einer körperlichen Form zur irdischen Ebene zurückzukehren, deren Art bestimmt wird von seinen zeitlebens gehegten Vorlieben und Neigungen, von der Stärke seiner sehnsüchtigen und langgehegten, unerfüllten Wünsche, die seiner geistigen Struktur eingeprägt sind und die zur Zeit seines Todes vorherrschen und den überwältigen Einfluss bilden, der seinen zukünftigen Weg mit unwiderstehlicher Kraft gestaltet.
 
So gütig und großmütig ist der göttliche Vater –
er gewährt seinen Kindern, wonach sie auch verlangen.
 
Doch wenn man unter der Führung eines vollendeten Meisters (Sant-Satguru) den praktischen Vorgang der Selbstanalyse, das heißt das willentliche Zurückziehen vom physischen Körper, erlernt und diese Fähigkeit durch regelmäßige Übung entwickelt, erlangt man noch während des Lebens eine Erfahrung vom Jenseits (vom Tod im Leben) mit dem Ergebnis, dass einem die uralte trügerischen Vorstellungen allmählich wie Schuppen von den Augen fallen und die Welt und die weltlichen Dinge ihren hypnotischen Reiz verlieren. Dann sieht man die Dinge in ihren wahren Farben, erkennt ihren wirklichen Wert und wird allmählich wunschlos und frei – Herr seiner selbst, eine befreite Seele (jivan mukat). Danach lebt man nur mehr, um die einem zugewiesene Lebensspanne ohne Gebundenheit zu vollenden. Dies wird neue Geburt oder zweite Wiederkehr der Seele in ein ewiges Leben genannt. Doch wie kann man sie erlangen? Christus sagt uns:
 
Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folget mir nach, der ist mein nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren;
und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.
 
                                                  Mt.10, 38-39
 

Und im Lukas-Evangelium heißt es:
 
 Zu ihnen allen sagte er (Jesus): Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
 
                                                    Lk. 9,23

 
Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir
nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.
 
                                                  Lk. 14,27
 
 
So sehen wir, dass der Tod in Christus der Weg ist, um mit Christus auf ewig zu leben. Lernt zu sterben, damit ihr zu leben beginnt, sind die einleitende Worte aller Heiligen, wenn sie zu uns sprechen. Unter den Moslems ist dies als Auslöschen des Selbst (fana-fil-sheikh) im Meister (Murshid) bekannt. Es ist deshalb von höchster Wichtigkeit, als erstes einen lebenden Meister zu suchen, der kompetent genug ist, den anderenfalls endlosen Zyklus der Karmas ein für allemal zu beenden und zu seinen heiligen Füßen Zuflucht zu suchen, um sich dadurch von dem unheilvollen Einfluss der eigenen Taten zu befreien, die sonst fortfahren, einen in der Gestalt von Eumeniden und Furien heimzusuchen.
Über die Macht des Meisters auf der Erde (Jagat-Guru) vernehmen wir:
 
Ein Jagat-Guru vermag die Karmas durch seinen Blick und sein Wort auszulöschen.In seiner Gegenwart fliehen die Karmas wie Herbstlaub vor dem Wind.
 
Und außerdem lesen wir in den heiligen Schriften noch:
 
Groß ist die Macht des Engels der Vergeltung, und keiner vermag
deinem Zorn zu entgehen; aber vor dem Trompetenschall des Wortes
flieht er voll Todesfurcht.
 
Was nun das Wirken des karmischen Gesetzes betrifft, mag uns das folgende Beispiel helfen, den Sachverhalt besser zu verstehen:
Nehmen wir zwei Sorten Weinbeeren – gelbe und braune. Die gelben Samen sollen die guten und die braunen die schlechten Taten verkörpern. Und ein Raum ist bis zur Decke mit großen Mengen dieser Saaten angefüllt, die nun gleichsam das Lagerhaus der Karmavorräte (Sanchit-Karma) eines Menschen darstellen.
 
Da ist nun „A“ (ein physischer Körper plus Gemüt plus Seele), ein Mensch, der sein ganzes Leben lag wünschte, ein König zu werden. Er wird krank, und dieser unerfüllte Wunsch beherrscht weiterhin an erster Stelle sein Gemüt. Und nach einiger Zeit zwingt ihn die Natur, den physischen Körper aufzugeben, aber gemäß dem Gesetz des Lebens nach dem Tode ist er noch immer in den astralen (mentalen) und kausalen (ätherischen) Körper gekleidet. Er wirkt nun als entkörperte oder nicht mehr inkarnierte Seele in einem anderen Gewand aus astraler und kausaler Gemütssubstanz. Da das Gemüt das Lagerhaus aller Eindrücke ist, erinnert sich „A“ noch immer seines Wunsches, König zu werden. Da „A“ nun ein körperloser Geist (Jiva) und seiner physischen Hülle beraubt ist, sieht er sich einer Schwierigkeit gegenüber. Er kann so lange kein König werden, bis er nicht wieder ein physisches Kleid angelegt hat, das es ihm erlaubt, auf der einen oder anderen Stufe seiner irdischen Laufbahn die Rolle eines Königs anzunehmen. Von der unfehlbaren motorischen Kraft seiner Gemütssubstanz angetrieben, die hinter aller Aktivität wirkt, wird er dazu geleitet, so viele Karmas, die noch nicht Frucht getragen haben, aufzunehmen, dass diese wiederum eine neue Folge von Umständen herbeiführen, die ihm dazu verhelfen, seinen lang gehegten und tief eingeprägten Wunsch zu verwirklichen.
 
Die große treibende Kraft, auf die eben verwiesen wurde, hat zwei Aspekte: einen positiven wie auch einen negativen. Der positive führt uns zur Reise in die Heimat, und der negative beherrscht und lenkt das Leben auf der irdischen Ebene. Die Natur oder der negative Aspekt dieser Kraft, die doch nur eine ist, befasst sich allein mit dem geordneten Ablauf des Lebens, wie es auf der physischen Ebene besteht; ihre Hauptaufgabe ist es, die Welt in Gang und reich bevölkert zu halten und die Menschen mit verschiedenen Lebensaufgaben zu beschäftigen, wie der Fall gerade liegt. In der Umgangssprache wird dies „Schicksal“ oder „Zufall“ (Pralabdha) genannt, welches das irdische Leben eines jeden einzelnen mit absoluter Genauigkeit und unfehlbarer Geschicklichkeit gestaltet.
 
So ist man in oben beschriebenem Ausmaß in eine Art Falle gefangen und kann nicht anders, als das zu enthüllen, was man in verhülltem Zustand mit sich bringt. Es ist wie eine Offenbarung der ungeoffenbarten Vergangenheit, die als verborgene Saat oder Essenz auf dem Grund der Gemütssubstanz ruht und mit ihren mannigfachen Mustern und vielfältigen Farben, die verschiedenen Linien bilden, auf die Leinwand des Lebens projiziert wird, so wie auch das Leben von einer ursprünglich reinen und ewigen Strahlung ausgeht, die wir gewöhnlich aus der Sicht verlieren, je mehr wir uns in dem „Dom aus vielfarbigen Glas“ verlieren, der uns umschließt und uns im Lauf der Zeit von allen Seiten bedrängt. Mutter Natur umsorgt nun ihr Pflegekind und überschüttet es in solcher Menge mit all ihren Gaben, dass es sich dessen, wonach es in der Vergangenheit so sehr verlangte, unwissentlich in Fülle und bis zum Übermaß erfreut. Vom Glanz der Gaben geblendet, vergisst man den großen Wohltäter, den Spender aller Gaben und ist im Netz des Todes unentrinnbar gefangen.
 
Doch das ist nur ein Teil des Lebens, das „A“ wie ein vorher bestimmtes Spiel führt. Daneben gibt es noch ein anderes, sehr lebendiges Gegenstück, das auf der Freiheit des Handelns und auf unserem unabhängigen Willen beruht, welches einem jeden von uns gegeben ist. Die Erlösung liegt im rechten Verstehen der höheren Werte des Lebens und darin, dass man von der günstigen Gelegenheit, die einem zuteil wird, den besten Gebrauch macht; und wir können sie hier und jetzt erlangen. Sonderbarerweise ist der Mensch also nicht nur eine Schöpfung seines Schicksals (aus der Vergangenheit) sondern ebenso der Schöpfer seines Geschicks (in der Zukunft). Was wir mit uns bringen, das muss geschehen; und was wir jetzt tun, das gibt unserer Zukunft Gestalt. Es ist darum weise, die rechte Wahl zu treffen. Die Gemütskraft ist ein ungeteiltes Ganzes, und wenn man sie sich wie einen gehorsamen Diener auf rechte Weise nutzbar macht, kann sie einem großen Gewinn bringen. Doch wenn ihr erlaubt wird, den lebensspendenden Geist zu überwältigen, erweist sie sich als heimtückischer Parasit, der die Lebenskraft schwächt und die Würzpflanze, auf der sie gedeiht und die ihr Leben und Nahrung gibt, dahinwelken lässt. Daher müssen wir all unsere Aufmerksamkeit der rechten Aussaat und ihrer Pflege zuwenden, während wir auf der Bühne des Lebens die uns bestimmte Rolle im Menschendrama im Licht der ewigen Strahlung spielen, die dick und dünn durchdringt, – ob wir es wissen oder nicht. Der höchste Wille ist bereits ins Muster unseres Seins gewirkt, denn ohne ihn kann nichts bestehen; und wenn wir diesen Willen erkennen und in Einklang mit ihm handeln, können wir dem Rad des Lebens entfliehen. Guru Nanak sagt im „Jap Ji“:
 
Wie kann man die Wahrheit erkennen und die Wolken der Täuschung durchdringen? Es gibt einen Weg, o Nanak, seinen Willen zu dem unseren zu machen; sein Wollen, das bereits in unserem Dasein wirkt.
 
So sehen wir, dass die Karmas und Wünsche für den endlosen Zyklus der Geburten und Wiedergeburten verantwortlich sind. Wie kann man diesen unaufhörlichen Kreislauf beenden? Es gibt nur zwei Wege, das ungeheuer große und grenzenlose Vorratslager der Karmas, diesen undurchdringlichen Granitwall zwischen den Menschen und dem Höchsten oder diesen dicken Schleier des unwissenden Gemüts, der stets unsere Augen bedeckt und unsere Sicht verdunkelt, zu erschöpfen oder aufzulösen. Die zwei Möglichkeiten, dieses immer umgangene und verwirrende Problem zu lösen, sind:
 
es der Natur zu überlassen, das Vorratslager im Lauf der Zeit zu entleeren, sofern das überhaupt möglich ist;
von einer Meisterseele die wirkliche Erkenntnis und Erfahrung der Wissenschaft des Lebens auf den irdischen wie auch spirituellen Ebenen zu erlangen und jetzt daran zu arbeiten, eine um die andere Ebene zu überschreiten, solange es uns noch mögliche ist und wir die günstige Gelegenheit dazu besitzen.
Der erste Weg ist nicht nur endlos lang, sonders auch äußerst schwierig und gewunden, trügerisch auf Schritt und Tritt und voller Gefahren und Fallgruben. Man bräuchte zahllose Leben, um zum Ziel zu gelangen, falls man überhaupt das Glück hätte, es zu erreichen. Zudem hilft die Natur von sich aus kaum jemanden, sich von den unerbittlichen karmischen Gesetz zu befreien, denn das würde bedeuten, dass sie sich und ihre Sippschaft selbst auslöscht.
 
Die menschliche Geburt ist in der Tat ein seltenes Vorrecht, das man erst erlangt, nachdem man einen langen Evolutionsprozess der Schöpfung durchschritten hat, der sich auf unzählige Formen oder Verkörperungen erstreckt, die das Lebensprinzip auf der physischen Ebene annimmt. Wenn diese goldene Gelegenheit einmal verloren ist, muss sich der jiva, der verkörperte Geist, wiederum dem Rad des Lebens unterwerfen, und zwar gemäß den Wesenszügen, die ihn während seines Lebens in der Welt gewöhnlich beherrschten, und besonders jener, der zur Zeit seines Scheidens von dieser Welt machtvoll hervortreten, denn das Gesetz lautet: „Wo das Herz ist, dahin zieht es den Geist mit unwiderstehlicher Macht.“ Da sich die wirklich so verhält, ist es für einen gewöhnlichen verkörperten Geist fast unmöglich, sich über die Sinnesebene zu erheben und das Gemüt durch eigene Anstrengungen, wie herkulisch sie auch sein mögen, ohne Hilfe und Führung ruhig und in sich selbst vertieft zu halten. Nur ein Gottmensch oder die Meisterkraft kann der verkörperten Seele aus Barmherzigkeit dazu verhelfen, das verlorene Königreich, die spirituelle Ebene, wiederzugewinnen – jenes Reich, aus dem ein jeder von uns durch Nichtbefolgen der Gebote Gottes vertrieben wurde. Dieser Weg ist also voll ungeahnter Gefahren, die bei jedem Schritt auf uns lauern und uns selbst aus unseren innersten Wesen heraus bedrohen. Daher wird kein vernünftiger Mensch jemals den Versuch wagen, diesen einsamen und mühevollen Weg zu beschreiten, der eher in eine Sackgasse führt als zum Ziel.
 
Wenn man den zweiten Weg wählt, sucht man einen kompetenten spirituellen Meister, dessen Einfluss sich auf alle untergeordneten Kräfte in dieser Welt und auf die höheren Seinsebenen erstreckt. Er kann die karmischen Rechnungen des bankrotten Geistes begleichen. Von dem Augenblick an, da er einen Menschen als sein eigen annimmt, nimmt er selbst den Vorgang der Auflösung des endlosen karmischen Geschehens, das aus unbekannter Vergangenheit herrührt, in die Hände. Er gebietet dem sinnlosen und leichtfertigen Leben, in das wir uns verloren haben, Einhalt. „Bis hierher und nicht weiter“, lautet sein Gebot; und dann stellt er den einzelnen auf die erhabene Straße, die zu Gott führt. Gewöhnlich greift er in das Schicksalskarma (Pralabdh) nicht ein, denn wir müssen es notgedrungen so gut wie möglich erfüllen, um seine Frucht zu ernten und die uns zugewiesene Lebensspanne zu beenden; während er als bewusster Mitarbeiter am göttlichen Plan das ungeheure Lagerhaus der Speicherkarmas (Sanchit) durch die Verbindung des Geistes mit dem Lebensfunken von Naam verbrennt. Diese Berührung mit dem heiligen Wort (Naam) verwandelt das Lager der Vorratskarmas ebenso wie die noch nicht fruchttragenden Saatkarmas, die wie bisher bewirkt haben, mit einem Mal zu Asche, gerade wie ein Feuerfunke einen ganzen Wald oder einen Haufen Brennholz, das auf den Boden liegt, einäschert. Im Pauri 20 des „Jap Ji“, dem Morgengebet der Sikhs, sagt uns Guru Nanak so schön:
 
Wenn Hände, Füße und der Körper (mit Staub) bedeckt sind, werden sie mit Wasserreingewaschen; sind unsere Kleider schmutzig und befleckt, werden sie mit Seife gereinigt; aber wenn das Gemüt von Sünden beschmutzt ist, kann es nur durch die Gemeinschaft mit dem Wort Reinheit erlangen. Durch Worte allein werden die Menschen nicht zu Heiligen oder Sündern; doch sie tragen ihre Taten mit sich, wohin sie auch gehen. Wie man sät, so erntet man. O Nanak, die Menschen kommen und gehen durch das Rad der Geburten und Tode, wie es Sein Wille bestimmt.
 
Daraus ist nun klar ersichtlich, dass das Gemüt der Hauptmagnet ist, der die Karmas mit all ihren Begleitumständen anzieht. Das Gemüt übt einen gewaltigen Einfluss auf den Menschen aus und gebraucht unsere Aufmerksamkeit (Surat) als sein Werkzeug. Diese ist der äußere Ausdruck der uns innewohnenden Seele und die wertvollste aller ererbten Fähigkeiten des Menschen – das kostbare Juwel von unermesslichen Wert.
 
Die Meister-Heiligen kommen mit einer göttlichen Aufgabe und Sendung in die Welt. Sie sind von oben beauftragt, den Menschen aus der karmischen Gebundenheit zu befreien. Hat man das Glück, einen solchen Heiligen zu finden und unterwirft man sich seinem Willen, nimmt er den Geist in seine Obhut. Seine erste und wichtigste Aufgabe ist es, den Zauberbann der karmischen Fangarme zu brechen, die uns mit tödlichem Griff umklammern. Er rät jedem, ein wohlgeordnetes und höchst diszipliniertes ethisches Leben zu führen, um der weiteren Aufnahme übler Einflüsse oder karmischer Eindrücke zu entgehen. Er sagt uns, dass alle Gaben der Natur, einschließlich der Sinnesobjekte, nur für den rechtmäßigen und angemessenen Gebrauch gedacht sind und nicht zur Sinnesbefriedigung und zum Vergnügen. All unsere Schwierigkeiten ergeben sich aus der Tatsache, dass wir uns den Sinnesfreuden gierig bis zum Überdruss hingeben, mit dem Ergebnis, dass wir, anstatt uns der weltlichen Genüsse zu erfreuen, gänzlich von ihnen beherrscht werden und sie uns körperlich und geistig völlig zugrundegerichtet zurücklassen. Wir vergessen, dass wahres Glück eine Geisteshaltung ist, die von innen kommt, wenn wir den Lebensstrom (das heilige Wort), der in uns verborgen liegt, bewusst erwecken und unser „Selbst“ mit dem „Lebensprinzip“ nähren, das allen Dingen, sichtbar und unsichtbar, innewohnt und das die einzige Antriebskraft ist, welche das ganze Universum erschafft und erhält. Der Gottmensch hält Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in seinem mächtigen Griff und wie ein mitleidsvoller Vater geleitet er seine Kinder auf dem Pfad der Rechtschaffenheit und Redlichkeit, der sie nach und nach zu Selbsterkenntnis und Gotterkenntnis führt, wo sie am Ende den Preis der Göttlichkeit erlangen. Gerade wie ein Kind nicht weiß, was sein Vater von Zeit zu Zeit bereithält, so weiß ein Strebender (Neophyt) nicht, was sein himmlischer Vater für ihn tut. Doch indem wir seinem Weg folgen, können wir die esoterischen Geheimnisse allmählich erfahren, die sich uns dann mit jedem Schritt von selbst enthüllen.
 
Was weißt du arme Seele in diesem Körper? Du bist zu beschränkt und elend, um auch nur dich selbst zu begreifen.
                                             John Donne
 
 
 
 
 
Der Ausweg
 
Die Art und Weise, wie der Meister das schwierige und verwirrende Problem der Karmas in Angriff nimmt, wird nachfolgend kurz erklärt:
 
Die Saatkarmas oder Sanchit: Sie liegen verborgen im Vorratslager und bilden seit endlosen Zeiten, vom Anbeginn der Welt an, eine Rechnung zu unseren Lasten. Niemand kann ihnen entgehen, solange sie sich nicht in den unzähligen Lebensläufen, die noch vor uns liegen, ausgewirkt gaben. Dies müsste auch noch geschehen, ohne dass wir ihnen neues Karma hinzufügen, was der Natur der Dinge nach eine Unmöglichkeit ist. Es ist also nicht möglich, diese gewaltige Schuld, die uns belastet, zu begleichen. Gibt es dann keinen Weg, um diesen großen Abgrund, der zwischen Bewusstsein und Unterbewusstem liegt, zu überbrücken und wiederum die Kluft, die das Unterbewusste vom Unbewussten trennt, zu überwinden? Für jedes Übel, sei es spirituell oder weltlich, gibt es ein Heilmittel. Wenn man Samenkörner in eine Pfanne erhitzt, bis sie platzen, verlieren sie ihr Keimvermögen oder ihre Fruchtbarkeit, mit anderen Worten, die Kraft zu keimen und Frucht zu tragen. Auf genau die gleiche Weise können sie Speicherkarmas (Sanchit-Karmas) mit dem Feuer von Naam oder dem Wort versengt oder verbrannt und somit für die Zukunft unschädlich gemacht werden, denn dann wird man ein bewusster Mitarbeiter am göttlichen Plan und verliert jede Verbindung mit der unbekannten Vergangenheit.
 
Schicksalskarmas oder Pralabdh: Sie bestimmen unser gegenwärtiges Schicksal und bilden den Bestand und bilden den Bestand oder die Bestimmung, wie man es nennen mag. Ihre Frucht muss ertragen werden, ganz gleich, wie bitter oder süß sie ist, denn man kann nicht umhin, das zu ernten, was man einmal gesät hat. Der Meister überlässt sie darum dem Menschen unberührt, damit dieser sie mit liebevoller Sanftmut erträgt und im gegenwärtigen Leben zu Ende bringt. Würden diese Karmas nämlich ausgelöscht oder auf irgendeine Weise geändert, hätte das die Auflösung des Körpers zur Folge. Doch der Schüler wird nicht alleine gelassen, wenn er sich mit ihnen auseinanderzusetzen hat. Sobald der Meister ihn initiiert hat, kümmert sich die Meisterkraft um den Schüler. Bei jedem Schritt wird ihm ein gutes Stück geholfen. Durch allmähliche spirituelle Disziplin erlernt er den Vorgang der Selbstanalyse und des Zurückziehens, und sein Geist gewinnt an Stärke, mit dem Ergebnis, dass die sonst schmerzlichen Auswirkung dieser Karmas nunmehr lediglich wie eine sanfte Brise über ihn hinwegwehen und ihn unversehrt lassen. Sogar bei ernsten und unheilvollen Fällen bringt der Meister sein Gesetz des Mitgefühls und der Gnade zur Anwendung. Alles Leid des ergebenen Schülers wird erheblich gemildert und abgeschwächt. Manchmal wird die Intensität körperlicher und geistiger Nöte ein wenig verstärkt, um die Dauer des damit verbundene Leides zu verkürzen, während in anderen Fällen ihre Stärke erheblich verringert und ihre Dauer verlängert wird, wie es jeweils angemessen scheint. Aber das ist nicht alles. Die Leiden, Nöte und Krankheiten des physischen Körpers rühren von den Sinnesfreuden her; und physisches Leid muss natürlich vom physischen Körper ertragen werden. Der Meister als das verkörperte Wort oder der irdische Pol Gottes weiß alles über seine Schüler, wo sie auch sein mögen, ob weit entfernt oder ganz nahe. Übernimmt er jedoch durch das Gesetz des Mitgefühls die Karmas seiner ergebenen Schüler, muss er sie seinen eigenen Schultern aufbürden, denn das Gesetz der Natur muss auf die eine oder andere Weise erfüllt werden. Dies geschieht in sehr seltenen Fällen, wenn es der Meister für angebracht hält. Überdies würde wohl kein Schüler einen Ablauf des Geschehens hinnehmen wollen, bei dem der Meister für sein Vergehen zu Leiden hätte. Im Gegenteil, der Schüler muss lernen, aufrichtig zu seinem Meister zu beten. Tut er das, so kann er gewiss sein, dass ihm alle mögliche Hilfe zuteil wird, die seine Not lindert oder seine Lage verbessert und das sich ergebende Leid auf ein Mindestmaß verringert. Und die Seele selber wird außerdem erstarken, wenn sie sich vom Brot des Lebens ernährt und durch das Wasser des Lebens erhält.
 
Es gibt jedoch Dinge, über die der Mensch keine merkliche Kontrolle hat:
 
die Süße und die Bitternis des Lebens mit ihren Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten sowohl physischer als auch geistiger Art;
Reichtum, Wohlstand und Macht oder Armut, Elend und niedrigen Stand;
Name und Ruhm oder schlechten Ruf und völliges Vergessensein.
 
All das sind die gewöhnlichen Begleiterscheinungen des Lebens auf Erden, die kommen und gehen, wie es vorherbestimmt ist. Alle menschlichen Bestrebungen zielen darauf ab, eine oder mehrere Annehmlichkeiten des Lebens zu erhalten und das Unangenehme zu umgehen. Dabei erkennen wir nicht, dass das Leben selbst so flüchtig ist wie eine Wolke, gleich einem Schatten ohne Substanz, ähnlich einer Fata Morgana oder einem Irrlicht, das immer umherhuscht und sich dem unachtsamen Wanderer im sengend heißen Wüstensand der Zeit ständig entzieht. Durch Unterweisung und Übung machen die Meister-Heiligen der verkörperten Seele (jiva) die trügerische Natur der Welt und alles Irdischen deutlich und offenbaren in ihm die ewige Quelle des Lebens, die ihn, wenn er sie gefunden hat, bis ins innerste Mark und alle Fasern seines Seins erfüllt, die ihm völlige Zufriedenheit schenkt und ihn befähigt, das Leben selbst mit Freuden aufzugeben.
 
Saatkarmas oder Kriyaman: Das sind jene Karmas, die wir während unseres gegenwärtigen Aufenthalts auf der irdischen Ebene täglich bewirken. In dieser Hinsicht wird jedem Schüler auferlegt, von jetzt an ein keusches und reines Leben in Gedanken, Worten und Taten zu führen und sich allem zu enthalten, was von Übel ist, denn jene Verletzung oder Nichteinhaltung dieses Gesetzes hat unweigerlich Leid zur Folge, und der Preis der Sünde ist nichts weniger als der Tod, wahrlich der Tod, an den Wurzeln des Lebens.
 
Hier erhebt sich die Frage, wie die Meister-Heiligen manche der karmischen Bürden der Menschenseele unter außergewöhnlichen und seltenen Umständen auf sich nehmen und es dabei so einrichten, dass sie von den unangenehmen Auswirkungen befreit werden. Denn die Karmas, die mit dem physischen Körper verbunden sind, müssen, wie bereits gesagt, vom physischen Körper ertragen werden.
 
Gott selbst kleidet sich in des gemeinen Menschen Fleisch, um schwach genug zu Sein, Leid zu erdulden.
 
                                                                              John Donne
 
Die Geschichte gibt uns ein Beispiel aus dem Leben von Baber, dem ersten Mogul-König Indiens. Sein Sohn Humayun erkrankte schwer, und jeder bangte um sein Leben. In stillem Mitgefühl betete der König zu Gott, es möge ihm erlaubt werden, die Krankheit seines Sohnes zu übernehmen, und so seltsam es scheinen mag, von diesem Augenblick an trat eine Wendung ein; der Prinz begann allmählich zu genesen, während der König dahinsiechte und starb. Das ist nur ein einzelnes Beispiel stellvertretenden Leides auf der menschlichen Ebene.
 
Der Meister ist eins mit dem Herrn der Barmherzigkeit. In seinem Reich, das grenzenlos ist, gibt es kein Aufzählen von Taten. In das Göttliche eingebettet, gewährt er jedem einzelnen die Verbindung mit der erlösenden Rettungsleine im Innern, die in Zeiten der Pein als Notanker dient. Das Schiff mag in den stürmischen Wassern des Lebens hin und her geworfen werden, doch da es an der schwimmenden Boje vertäut ist, kann es nicht untergehen, ungeachtet der stürmischen Winde und Wasser ringsumher.
 
Der Mensch wird unweigerlich gezwungen, die Bühne der Welt blindlings zu betreten, um einfach die Frucht seines Schicksalskarmas zu ernten, von dem er keinerlei Kenntnis hat. Er ist sich nicht einmal der Wirkungsweise der physischen Ebene bewusst, geschweige denn der höheren Ebenen. Mit all seinen Bekenntnissen und Beteuerungen erweist er Gott nur einen Lippendienst, da er keinen Zugang zu den göttlichen Bindegliedern im Innern hat, den erlösenden Rettungsleinen: dem Licht und der Stimme Gottes. Er kennt nicht einmal die Natur seines eigenen, wahren Selbst und verwendet all seine Zeit für Sinnesfreuden. Er betrachtet sich selbst nur als Zufallsgeschöpf und lebt auf gut Glück, wie eine bloße Puppe auf der Bühne des Lebens.
 
Andererseits kommt ein Heiliger mit einem Auftrag und einem Ziel. Er ist Gottes Erwählter, sein Messias und sein Prophet. Er wirkt in seinem Namen und durch die Kraft seines Wortes. Er hat keinen eigenen, unabhängigen Willen, der vom Willen Gottes getrennt wäre; und da er sein bewusster Mitarbeiter am göttlichen Plan ist, sieht er die verborgene Hand Gottes in allem Geschehen des Lebens. Er lebt in der Zeit und gehört doch in Wahrheit dem Zeitlosen an. Er ist Herr über Leben und Tod, doch voll Liebe und Mitleid für die leidende Menschheit. Sein Auftrag ist, jene menschliche Seelen mit Gott zu verbinden, die sich nach Wiedervereinigung mit ihm sehnen und aufrichtig danach streben. Sein Tätigkeitsbereich ist ganz verschieden und unabhängig von dem der Avatare, denn diese Verkörperung wirken nur auf der menschlichen Ebene, und ihre Arbeit ist es, die Welt rechter Verfassung und in Ordnung zu halten. Lord Krishna (Soll als Inkarnation des höchsten Gottes 3000 v. Christus gelebt haben) hat mit unzweideutigen Worten erklärt, dass er dann in der Welt kommt, wenn das Spiel der Kräfte von Gut und Böse nicht mehr ausgewogen ist, und dass es sein Ziel ist, das verlorene Gleichgewicht wieder herzustellen, den Rechtschaffenen zu helfen und die Ungerechten zu bestrafen. Gleiches können wir im „Ram Chitra Mansa“ über Lord Rama (Nach den frühen Upanishaden [4. Jh. V. Christus] als Inkarnation Vishnus verehrt, später als höchster Gott gewürdigt) lesen. Er verkörperte sich erneut, als das Übel in der Welt im Zunehmen war. Die Avatare kommen, um die Gerechtigkeit wieder herzustellen. Sie können jedoch nicht die Gefängnistore der Welt öffnen, um die verkörperten Seelen herauszulassen und in die spirituellen Ebenen zu bringen. Diese Aufgabe fällt gänzlich in den Bereich der Heiligen, die als bewusste Mitarbeiter der Gotteskraft am göttlichen Plan mitwirken und einzig die Verehrung des Göttlichen lehren, denn diese allein setzt den Auswirkungen des Karmas ein Ende. Ein Moslem-Heiliger sagte:
 
Zuletzt kam ans Licht, dass im Reich der Meisterheiligen (Darveshs) Karmas nicht zählen.
 
Und wiederum heißt es:
 
Ein Meister-Heiliger verjagt die Karmas,
die wie Schakale vor einem Löwen entfliehen.
 
Keiner vermag den Folgen seiner Taten zu entgehen, nicht einmal Gespenster und Geister, weder Riesen noch Dämonen (Kinnars [Wesen, halb Mensch, halb Tier], Yakshas [Geiste], Gandharvas [Singende Halbgötter]) oder Götter (Devas). Jene mit leuchtenden, astralen und ätherischen Körpern erfreuen sich der Früchte ihrer Taten in der Region der dritten großen Ebene (Brahmand) über den beiden ersten (Pind und And). Auch sie warten auf eine menschliche Geburt und streben sie an, um der Gewalt der karmischen Rückwirkungen zu entgehen; denn allein durch die menschliche Geburt haben sie die Möglichkeit, mit einem Gottmenschen in Verbindung zu treten, der ihnen das Geheimnis des göttlichen Pfades, den Tonstrom oder das heilige Wort, offenbaren kann.
 
Ein Mensch bräuchte viele Jahre geduldiger Meditation, wollte er fähig sein, das System von Gottes mächtiger Herrschaft in gewissem Ausmaß zu verstehen; und dem forschenden Sucher kann auf dieser Stufe nur sehr wenig gesagt werden. Es ist ebenso schwierig, einen wahren spirituellen Meister zu verstehen. Doch bei all dem spielt ein Heiliger (Sant), während er auf der Welt weilt, gewöhnlich die normale Rolle eines Menschen und spricht von sich selbst stets als von einem Sklaven, Leibeigenen und Diener Gottes und seines Volkes.
 
Wenn ein Meister-Heiliger die Lasten der Karmas ergebener Seelen auf seine Schultern nimmt, übergeht oder beseitigt er deswegen nicht das höchste Gesetz. Man kann seine Stellung mit der eines verkleideten Königs vergleichen, der sich, um die Lage seiner Untertanen zu verbessern, freiwillig unter sie mischt, um ihre Schwierigkeiten zu verstehen und zuzeiten auch ihre Freuden und Sorgen zu teilen. Soweit es den menschlichen Körper betrifft, macht ein Meister-Heiliger von einem besonderen göttlichen Zugeständnis Gebrauch. Kurz gesagt, kann er den Tod durch die Guillotine in einen Dornenstich verwandeln. Manchmal erlaubt er seinen Körper in geringem Ausmaß das zu erleiden, was für einen gewöhnlichen Menschen eine große Qual gewesen wäre. Er zeigt den Menschen, dass alle Körper leiden, denn dementsprechend lautet das Naturgesetz für alle verkörperten Geschöpfe. „Das physische Leben ist nur Trübsal“, erklärte Sakya Muni, Lord Buddha (Erleuchteter, soll im 7. Jahrhundert v. Christus gelebt haben). Auch der heilige Kabir (Berühmter indischer Heiliger des Surat Shabd Yoga) sagte, dass er noch keinen einzigen Menschen gesehen habe, der glücklich war; jeder, dem er zufällig begegnete, befand sich in irgendeiner Not. Guru Nanak (Erster Guru der Sikhs, lehrte, dass der Weg zu Gott für alle Menschen der gleiche ist) zeichnet uns ein anschauliches Bild einer Welt voller Sorgen und Leiden, ausgenommen davon jene seltenen Menschen, die bei Naam Zuflucht gefunden hatten. Durch diese traurige Erfahrung um uns herum halten wir den Gottmenschen für einen gewöhnlichen Sterblichen, wie wir es sind. Indem er körperlichen „Schmerz“ erduldet, bekleidet er allem äußeren Anschein nach die Rolle eines Menschen, doch innerlich ist er immer vom physischen Körper getrennt. Die ständige Verbindung mit Gott im Innern ermöglicht ihm, dem zu entgehen, was für den Schüler ein unerträglicher Schmerz wäre.
 
Jeder, der auf diesen Pfad gesellt wurde und sich mit dem Prozess der Umkehr beschäftigt, kann seine Sinnesströme vom Körper zurückziehen, indem er sich am Zentrum hinter den Augen sammelt. Die zeit mag verschieden sein, die der einzelne Mensch jeweils benötigt, um dieses Ziel zu erreichen, aber die Ergebnisse folgen mit Sicherheit und sind in jedem Fall nachweisbar. Die ergebenen Schüler auf diesem Pfad lehnen selbst auf dem Operationstisch die dem Patienten normalerweise verabreichten Betäubungsmittel freiwillig ab. Sie ziehen ihr Bewusstsein vom Körper zurück und spüren somit nicht die Auswirkungen des Messers oder Skalpells des Chirurgen. Von Bhai Mani Singh, der durch Abschneiden aller Gelenke zum Tode verurteilt worden war, wird berichtet, dass er dem Vorgang nicht nur lächelnd zustimmte, sondern auch gegen den Scharfrichter Einspruch erhob, als dieser versuchte, sich der schändlichen Aufgabe zu entledigen und kurzen Prozess zu machen, indem er die Glieder Stück für Stück abtrennte, statt Gelenk für Gelenk, wie ihm befohlen worden war.
 
Die Initiierten des Meisters (Satsangis), welche die Dinge mit offenen Augen betrachten, begegnen sehr oft derartigen Fällen. Jene Seele, die einen inneren Zugang haben, bleiben in das große Selbst im Innern vertieft und stellen ihre Fähigkeit nicht zur Schau. Dieses Gesetz bewährt sich aus dem einfachen Grund, dass Heldentaten wie diese oft darauf angelegt sind, als Wunder zu gelten und daher gewissenhaft zu vermeiden sind. Heilige zeigen keine Wunder und erlauben auch keinem ihrer Schüler, sich solch prahlerischem und sinnlosem Blendwerk hinzugeben.
 
Wenn Heilige scheinbar krank sind, kann man im allgemeinen sehen, dass sie vom Arzt verordnete Arzneien einnehmen, aber in Wirklichkeit brauchen sie eine solche Behandlung nicht. Sie tun das nur, um die Gesetze der Welt zu beachten. Auf diese Weise geben sie den Menschen ein Beispiel, den üblichen weltlichen Weg mit Klugheit beizubehalten und sich einer richtigen Behandlung zu unterziehen, falls es nötig ist. Natürlich wird vom Schüler erwartet, Medikamente zu verwenden, die keinerlei Produkte und Substanzen tierischen Ursprungs enthalten; doch manche Schüler, die einen unerschütterlichen Glauben an die gütige Kraft des Meister-Heilenden im Innern haben, vermeiden gewöhnlich auch die sogenannte „Heilmaßnahmen“ und erlauben der Natur, durch sich selbst zu wirken, denn die heilende Kraft im Innern ist ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Systems. Die körperlichen Störungen, die manchmal auftreten, sollten frohen Mutes angenommen und ertragen werden, denn sie sind im allgemeinen das Ergebnis unserer eigenen Ernährungsfehler und sind durch rechte hygienische Maßnahmen und ausgewählte Nahrung wieder behebbar. Hippokrates, der Vater der medizinischen Wissenschaften, betonte mit Nachdruck, dass die Nahrung als Medizin betrachtet werden sollte. Selbst schwere Erkrankungen, die von karmischen Rückwirkungen herrühren, sollten ohne Murren oder Bitterkeit mit Geduld ertragen werden, denn alle karmischen Schulden müssen bezahlt und die Rechnungen hier und jetzt beglichen werden. Es ist besser, dies möglichst schnell geschehen zu lassen, anstatt noch irgendwelche offene Posten zur späteren Bezahlung stehen zu lassen. Es wird berichtet, dass zur Zeit Hazrat Mian Mirs, eines frommen Moslems und Mystikers, sein Schüler Abdullah, als er mit einem Leiden darniederlag, seine Sinnesströme zum Augenbrennpunkt zurückzog und sich sicher in der Zitadelle des Friedens einschloss. Da zog er sich unversehrt in die Zitadelle des Friedens zurück. Als ihn sein Meister Mian Mir besuchte, holte er Abdullah ins Körperbewusstsein zurück und gebot ihm, zu bezahlen, was er schuldig sei, denn durch eine solche Taktik könne er sich der Bezahlung nicht auf unbegrenzte Zeit entziehen.
 
Im Gegensatz zu den meisten von uns wenden die Meister-Heiligen nicht viel Zeit für die Pflege und Bedürfnisse des Körpers auf. Sie betrachten das physische Kleid als bloßen Lumpen, der eines Tages weggeworfen wird. Wenn es nötig ist, leisten sie schwere körperliche und geistige Arbeit, ohne sich niederlegen oder ausruhen zu wollen, und bleiben ohne jede Unterbrechung viele Nächte lang wach. Solche erstaunlichen Leistungen geben der modernen Wissenschaft Rätsel auf, doch für die Heiligen sind sie etwas Alltägliches, denn sie sind mit den höheren Naturgesetzen vertraut, von denen wir keinerlei Kenntnis haben, und machen von ihnen Gebrauch. Handlungen oder Karmas können als persönliches Karma oder Gruppenkarma eingeordnet werden. Letztere sind Karmas, die von einer Gemeinschaft oder einem Volk als Ganzes ausgeführt und als Dharma bezeichnet werden. Wie ein einzelner die Früchte seiner eigenen Karmas (Handlungen) erträgt, so auch eine Gemeinschaft, denn auch sie muss die Auswirkung der allgemeinen Politik, die sie verfolgt, hinnehmen. Das führt dazu, dass auch unschuldige Menschen unter den Missständen zu leiden haben, die aus dem falsch erdachten Gruppenkarma (Dharma) der Gemeinschaft, der sie angehören, entstehen. Als der persische Schah Nadir in Indien einfiel und ein allgemeines Blutbad unter der Bevölkerung Delhis befahl, war das ganze Volk bestürzt, und man glaubte, dass die sozialen Missstände des Volkes die Gestalt Nadirs angenommen hätten. Die gerechte Vergeltung aller begangenen Sünden und Versäumnisse liegt im Wesenskern der Naturgesetze begründet, und die Bestrafung sucht uns in der einen oder anderen Gestalt heim, ob man diese Kraft nun Rachegöttinnen, Eumeniden oder wie auch immer nennt.
 
 
 
 
 
Der Weg der Heiligen
 
Die Schriften berichten uns die treffende Geschichte von König Parikshat, der gehört hatte, dass einer, der den Vortrag aus dem Bhagwat, einem heiligen Text, durch einen Schriftgelehrten (Pandit) vernähme, zu einer erlösten Seele (jivan mukat) würde, zu einem Menschen, der von jeder Gebundenheit frei ist. Eines Tages rief er seinen Hofpriester zu sich und bat ihn, den erhebenden Text des Bhagawat zu rezitieren, damit er von der Gebundenheit durch Gemüt und Materie frei würde. Und er befahl, den Priester zu erhängen, falls sein Vortrag nicht die Richtigkeit der heiligen Lehren bestätigen sollte. Da der Priester nicht besser als irgendeiner von uns war, erschrak er sehr, denn er sah sich bereits im Angesicht des Todes, weil er sehr wohl wusste, dass er dem König nicht zu helfen vermochte, die Erlösung zu erlangen. Niedergeschlagen und über das ihm drohende Verhängnis zutiefst besorgt kam er nach Hause zurück. Am Vorabend des Tages, der für ihn die Rezitation des heiligen Textes bestimmt war, fühlte sich der Priester halbtot vor Angst. Zu seinem Glück hatte er eine sehr kluge Tochter. Auf ihre dringenden Bitten hin vertraute er ihr den Grund seiner unglücklichen Lage an. Seine Tochter tröstete ihn und versprach, ihn vor dem Galgen zu retten, wenn er ihr erlaube, ihn am nächsten Tag zum König zu begleiten. So ging sie am folgenden Tag mit ihrem Vater zum Königshof. Sie erkundigte sich, ob der König Befreiung von der Gebundenheit an die Welt wünsche, was er bejahte. Sie sagte dem König, dass sie ihm helfen könne, seinen tief gehegten Wunsch zu erfüllen, wenn er ihrem Rat folge und ihr erlaube, zu tun, was immer sie wolle. Sie brachte nun den König und ihren Vater in den Dschungel und band jeden mit einem starken Seil an einem anderen Baum fest. Dann forderte sie den König auf, seinen Priester loszubinden und zu befreien. Der König gestand seine Hilflosigkeit ein; das könne er nicht, weil er doch selbst festgebunden sei. Daraufhin erklärte ihm das Mädchen, dass einer, der sich selbst in der Gebundenheit Mayas, der Täuschung, befände, einen anderen nicht aus eben diesen Fesseln lösen könne. Das Aufsagen des Bhagawat (Gemeint ist das Bhagawat gita, das „Lied des Erhabenen“, eines der heiligen Bücher Indiens [etwa 300 v. Christus]. Epos in Form eines Zwiegesprächs zwischen Krishna und Arjuna, seinem Schüler) könne sicherlich die magische Umhüllung der Täuschung zerbrechen, wenn es durch einen befreiten Menschen geschähe, der selbst die Täuschung durchbrochen hat; und so solle der König nicht von seinem königlichen Priester die Befreiung erwarten, der genauso gefesselt sei wie er selbst. Nur einer, der nicht im Spinnengewebe des Karmas verstrickt ist, besitzt die Fähigkeit, andere gleich sich selbst aus dem tödlichen karmischen Kreislauf zu befreien.
 
Das zeigt also, dass das bloße Studium der Schriften nicht viel dabei hilft, die Erlösung (Moksha) zu erlangen, denn sie ist eine rein praktische Angelegenheit; und nur wenn man von einem fähigen Adepten in dieser Wissenschaft geführt wird, erhält man die rechte Unterweisung und gelangt zur Vollendung. Der vollkommene Meister (Murshid-i-Kamil) muss als erstes die Teile der zerbrochenen Tafel des Gemüts wieder zusammenfügen, die durch unsere zahllosen Wünsche und Sehnsüchte zersprang, und sie zu einem vollständigen Ganzen machen. Dann poliert er sie durch und durch, bis sie so rein ist, dass sie das Licht und die Herrlichkeit Gottes widerzuspiegeln vermag. Dies ist durch keine noch so große Buchgelehrsamkeit zu vollbringen.
 
Natürlich kann man die wahre Bedeutung der Schriften nicht erkennen und verstehen, bis sie einem von einer Meisterseele erklärt werden, die in der Werkstätte ihres eigenen Geistes eben das erfahren hat, wovon die Schriften berichten. Somit kann sie den Schüler aus eigener persönlicher Erfahrung in den höchsten esoterischen Lehren unterweisen und leiten, die uns die Schriften lediglich als knappe Sinnsprüche wiedergeben, die den Verstand nur verwirren, der in seinem Umfang und Fassungsvermögen doch recht begrenzt ist. Darum heißt es: „In der Gesellschaft einer geschulten Seele (Sadh) kann man Gott leicht erkennen.“ Nur eine befreite Seele vermag eine andere Seele zu befreien und niemand sonst. In diesem Zusammenhang heißt es:
 
Das Studium der Veden, der Puranas und der Etymologie führt zu nichts. Ohne die Ausübung des heiligen Wortes verbleibt man immer in tiefster Dunkelheit.
 
Ein Mensch, der die Verwirklichung selbst erfahren hat, umfasst alle Schriften und noch weit mehr als sie, die bestenfalls die theoretische Seite der Lehren in feinsinniger Sprache enthalten, doch die Idee selbst nicht wörtlich erklären oder eine tatsächliche Erfahrung vermitteln können, wie es der Meister vermag.
 
Jeder versucht heutzutage die Schuld oder Ursache seines Missgeschicks auf die „heutigen Zeiten“ zu schieben, und diese Klage ist die größte aller Zeiten. Die gegenwärtige wie auch die zukünftige Zeit gehört uns genausowenig wie die Vergangenheit. Diese Welt ist ein gewaltiges magnetisches Feld, und je mehr wir uns mühen, ihm zu entkommen, desto mehr werden wir in ihm gefangen und in seinem Netzwerk verstrickt. Der Mensch tanzt in dem Netz und glaubt, dass ihn keiner sähe. Der Kluge empfindet das Netz wohl, doch er weiß nicht, wo er sich unbekümmert niederlassen kann. So dreht sich das gewaltige Schwungrad der karmischen Mühle, dieses gigantische Rad des Lebens, leise und unaufhörlich und zerstampfte alles gleicherweise langsam, doch unverkennbar entzwei. Die Mühle der Natur mahlt langsam, aber sicher. Manche empfinden es und sagen: „Es scheint, dass die Natur den Menschen schuf und dann die Form zerbrach.“
 
Keiner jedoch versucht, das Warum und Wofür der Dinge, Ereignisse und Begebenheiten zu durchschauen, denn voll Selbstzufriedenheit nehmen wir ungefragt alles so hin, wie es der Lauf der Zeit mit sich bringt. Wir versuchen nicht, tief in die Dinge einzudringen, um die Glieder der Kette aufzuspüren, die zu dem führen, was wir sehen, spüren und erleben. Jeder vergisst bei seinem Umgang mit anderen, dass er einfach für alles in der Welt zu bezahlen hat. Sogar die Gaben der Natur wie Raum, Licht und Luft usw. sind nicht allen gleicherweise frei und in beliebigem Ausmaß verfügbar. Aber jeder hält sich selbst für den einzigen und alleinigen Treuhänder der freien Gaben Gottes. Er versucht, so tolerant als möglich zu sein, stößt auf einzelne schlecht gefasste Diamanten (Menschen) und wird durch das „Gesetz des Gebens und Nehmens“ berührt. Nur nach harten Schlägen lernen wir, dass die Waagschale keinen Unterschied zwischen Gold und Blei machen, sondern nur auf das tote Gewicht reagieren. Ein jeder weiß, dass man den Nebel nicht mit einem Fächer vertreiben kann, und doch versuchen wir es und machen dadurch die Verwirrung nur noch schlimmer. Ein Mensch, dessen Hände und Füße in der endlosen Kette von Ursache und Wirkung gebunden sind, kann andere nicht befreien. Wenn jeder in der Welt in tiefem Schlaf liegt, wer soll dann wen aufwecken? Nur ein befreiter Mensch kann andere befreien, wenn er sich dazu entscheidet, denn die Sünden und Unterlassungen, die wir begehen, entsprechen dem Wesen des Naturgesetzes und suchen den Täter früher oder später in der einen oder anderen Form heim.
 
Wenn man Vögel im Käfig hält und Haustiere Halsbänder umlegt, sie an die Kette legt und einsperrt, setzt man zu Unrecht voraus, dass diese armen, wehrlosen Tiere keinen Gerichtshof haben, um ihre Klage vorzubringen. Manche glauben, ein Recht zu haben, sie so zu behandeln, wie es ihnen gefällt. Sie schrecken weder davor zurück, sie zu töten, noch zollen sie der allgemeingültigen Wahrheit „Wie du säst, so wirst du ernten“ irgendeine Beachtung. Doch Unkenntnis des Gesetzes ist keine Entschuldigung. Jedes Unrecht muss bestraft werden. Wer mordet, der wird selbst getötet. Wer durch das Schwert lebt, wird durch das Schwert umkommen. Man muss „Auge um Auge und Zahn um Zahn“ bezahlen, was heutzutage genauso zutrifft wie zur Zeit von Moses. Wir feiern unsere Feste zweifellos sehr fröhlich, bis die furchtbare Abrechnung kommt. Wir mögen unsere Augen vor den Naturgesetzen schließen oder unser Vertrauen in die Wirksamkeit der priesterlichen Hilfe setzen, doch es wird vergebens sein. Für Töten, Blutsaugen und dergleichen muss man einen hohen Tribut entrichten. Jene, die vom Blut anderer leben und gedeihen, können kein reines Herz haben und noch weniger Zugang zum Himmelreich.
 
„Selig sind, die reinen Herzen sind, denn sie werden Gott schauen.“
 
Die Heiligen sagen, dass der Mensch den höchsten Platz in Gottes Schöpfung einnimmt, dass er mit einem hervorragenden Verstand begabt ist und die begrenzte Spanne seines Lebens daher nicht wie andere Geschöpfe blindlings vorüberziehen lassen darf. Er sollte die goldene Gelegenheit, die er erhielt, um in die Arme Gottes und in seine ursprüngliche Heimat zurückzukehren, nicht versäumen. Solch eine unvergleichliche Gelegenheit erhält man nur, wenn man das Weltenschauspiel ganz durchblickt und seine Rolle im großen Drama des Lebens erfolgreich zu Ende gespielt hat. Im allgemeinen verstrickt sich der Mensch in die Reize dieser Welt. Wenn das geschieht, verliert er unter dem überwältigenden Einfluss der karmischen Rückwirkung nach Myriaden von Verkörperungen die einzige Gelegenheit, die er zur Rückkehr in die immerwährende Region des reinen Geistes erhielt. In endloser Folge hat er einen Körper nach dem anderen erhalten. Und allmählich beginnt er das Gewicht aller Arten von Gesetzen zu empfinden, seien sie sozialer, körperlicher oder natürlicher Art, die seinen Weg bei jedem Schritt gleich unüberwindlichen Hindernisse versperren. Es bleibt ihm keine andere Wahl, als darauf zu warten, bis er wieder als Mensch geboren wird. Und wer weiß, wann das sein mag?
 
Die Heiligen bezeichnen die Sünde ganz einfach als Vergessen des Ursprungs oder Gottes. Jeder Gedanke, jedes Wort oder jede Tat, die uns von Gott fernhält, ist wahrlich Sünde; und was auch immer den Menschen Ihm näher bringt, ist im Gegensatz dazu gottesfürchtig und heilig. Ein persischer Heiliger sagte, während er sich über die Natur der Welt äußerte: „Die Welt kommt nur ins Spiel, wenn man den Herrn vergisst. Durch die beständige Erinnerung an Gott ist man, während man mit Freunden und Verwandten in der Welt lebt, doch nicht von der Welt.“
 
Die meisten Sünden, ob grober oder feiner Art, sind reine Einbildung des Menschen unter dem Einfluss seines Gemüts. Die feineren Sünden werden von den Heiligen den lebenden Verkörperungen von Gottes Gesetzes der Liebe und Barmherzigkeit auf Erden, als „verzeihliche Schwächen“ betrachtet. Solange ein Mensch als Geschöpf handelt, das von seinem eigenen Willen geleitet wird, unterwirft er sich selbst all den Gesetzen und ihren Härten. Doch wenn man seinen selbstbestimmten Willen dem eines Gottesmenschen unterwirft, kommt man unter den Einfluss von Gottes Gnade und Liebe. Das ist die rechte Einstellung zu den Sünden des täglichen Lebens.
 
Karmas sind die ansteckendste Form unsichtbarer Krankheiten, denen der Mensch immer ausgesetzt ist. Sie wirken sogar schneller, verheerender und zerstörerischer als die tödlichsten und giftigsten Keime, die in die innersten Zellen des menschlichen Körpers gelangen und sich ganz heimlich ins Blutsystem einschleichen. In der Gemeinschaft wirken sich die Karmas zunächst sehr stark in Form einer Änderung des Standpunktes und der Gedanken jener aus, die angeblich die öffentliche Meinung bilden. Dann beeinflussen sie unsere Gemütsverfassung und Laune und wurzeln sich schließlich in Form von Gewohnheiten ein, die dem Menschen zur „zweiten Natur“ werden. Die Vorfahren und Alten waren daher immer auf der Hut und rieten uns, schlechte Gesellschaft zu meiden. „Gute Gesellschaft bringt Gutes und schlechte nur Übles hervor.“ Man kann einen Menschen ganz deutlich an seinen Umgang erkennen.
 
Um all diesen Schwierigkeiten die Krone aufzusetzen, muss man unwissentlich sogar an den karmischen Reaktionen der eigenen Familie teilhaben, in der man geboren und aufgewachsen ist. Somit spielen Tugend und Laster eine wesentliche Rolle beim Aufbau der Kultur. Auf diese Weise nehmen wir täglich und stündlich Karmas aus unserer Umgebung auf. Der einzige Weg, den karmischen Einfluss zu entgehen, ist, mit der Hilfe von frommen Heiligen am Gottespfad festzuhalten. Denn diese sind fest im Höchsten verankert und stehen weit über der Reichweite der Karmas; sie sind in der Tat erlöste Seelen und frei von Karma. Es heißt, dass man im Reich eines wahren Gottmenschen (Darvesh) keine Rechenschaft über seine Karmas abzulegen braucht. Wer sich in die Gemeinschaft eines Heiligen (Sadhu) begibt, der wendet sich dem Besseren zu. Der Mensch neigt jedoch ganz natürlich dazu, eher das Übel anzunehmen als die grenzenlose Güte der Heiligen. Die Gemeinschaft mit einem Heiligen hat die wunderbare Wirkung, alle üblen Eindrücke zu beseitigen. Der atmosphärische Wirkungsbereich eines Meister-Heiligen ist von einer solch grenzenlosen Weite, dass man es sich kaum vorstellen kann. Die Heiligen kommen nicht nur zum Wohl der Menschen, sondern zum Nutzen der lebendigen und leblosen Schöpfung auf allen Ebenen der Welt, ob sichtbar oder unsichtbar. Das arme Geschöpf namens Mensch hat keinen wahren Freund. Selbst das Gemüt mit den drei Eigenschaften (Gunas) von Reinheit (Satva), Tätigkeit (Rajas) und Trägheit (Tamas), das stets als Komplize des Menschen wirkt, schaut auf ihn genau wie eine Katze, die ihren ruhelosen Blick auf eine Ratte wirft. Jene, die den Befehlen ihres Gemüts gehorchen, werden beständig von seinen Tücken beherrscht und liefern sich unsäglicher Not und qualvollen Schrecken aus. Das „Gemüt“ jedoch fürchtet dies, denen Gott durch seinen Mittler, den Gottmenschen (Satguru), wohlgesonnen ist. Das Gemüt wagt es nicht, die Privilegien und Rechte jener, die Er liebt und die sein eigen sind, zu verletzen, es hilft ihnen vielmehr wie ein ergebener Mitarbeiter, der den Weisungen seines Vorgesetzten Folge leistet. Wie das Feuer ist es ein guter Diener, aber ein schlechter Herr:
 
In der Gemeinschaft eines Sadh hat man nichts zu bereuen; in seiner Gemeinschaft erkennt man den Herrn und folgt ihm getreulich; in seiner Gemeinschaft erlangt man der Gottheit höchste Gabe.
 
Darum betonte Guru Nanak mit Nachdruck:
 
O Nanak! Reiße all die vergänglichen Bande der Welt entzwei und mache dich auf die Suche nach dem wahren Einen. Während alle anderen dich schon in deinem Leben verlassen, wird der wahre Eine dich sogar ins Jenseits begleiten.
 
Und wiederum:
 
O Seele, sei gewiss, dass der Gottmensch dir vor dem Richterstuhl Gottes beistehen wird.
 
Baba Farid, ein Moslem-Heiliger, sagt auf fast die gleiche Weise:
 
O Farid! Begib dich eilends auf die Suche nach einem Befreiten, denn nur er kann dich (von der Bindung an die Welt) befreien.
 
Und wieder:
 
Das stets ruhelose Gemüt findet keinen Frieden, bis es in einem Gottmenschen ruht.
 
Im Gurbani (Lehren der Gurus, Berichte von Heiligen) lesen wir:
 
In der Gemeinschaft mit einem Sadh wird den umherwandernden Gedanken Einhalt geboten; allein der beruhigte Geist kann das Licht des Herrn widerspiegeln.
 
Jeder Mensch ist in den unsichtbaren Fesseln der Karmas physisch und geistig gebunden. Solange einer dem Einfluss von Gemüt und Materie unterworfen ist und nicht den Schutz eines Heiligen gesucht hat, wird er von allen Gesetzen der verschiedenen Ebenen beherrscht, und es wird ihm die reine und einfache Gerechtigkeit zuteil, ungemildert durch Barmherzigkeit. Er unterliegt der Bestrafung für alle seine Sünden – der unbedachten, ungenannten und subtilen. Ein Freund beim Gerichtshof kann in der Lage sein, das lange und qualvolle Verfahren abzukürzen, aber vor dem Richterstuhl des Höchsten ist der Meister- heilige zur Zeit des Gerichts der einzige wahre Freund. Im Jap Ji erklärt Guru Nanak:
 
Der Heilige ist der höchste Erwählte und geachtet in seinem Reich,
er ziert die Schwelle zu Gottes Tür und wird selbst von Königen verehrt.
 
Und wiederum:
 
Der Satguru hat mir die Gabe der Einsicht verliehen, und ich sehe all meine Zweifel beseitigt. Der Engel des Todes kann mir kein Leid mehr bereiten, da der Bericht über meine Taten ausgelöscht ist.
 
Der Pfad der Heiligen führt in eine ganz andere Richtung. Für den Initiierten gibt es keinen Gerichtshof. Der Heilige ist überall gegenwärtig, und sein Einfluss erstreckt sich auf ungeahnte Bereiche. Niemals verlässt noch versäumt er seine Schüler, bis an der Welt Ende. Er versichert uns feierlich:
 
Jedermann, ich will mit dir gehen und dein Führer sein; in der größten Not will ich dir zur Seite stehen.
 
                  Aus „Jedermann“ von Hofmansthal
 
Wie ein gütiger und wohlwollender Vater wird er das irrende Kind selbst zurechtweisen, aber es niemals der Polizei zur Bestrafung übergeben.
Keiner ist mehr gebunden als einer, der zu Unrecht glaubt, frei zu sein. Die Falle für den hochgeborenen Geist ist der Ehrgeiz. Jene, die im weltlichen Sinn des Wortes reich sind, scheinen bequem zu leben. Sie mögen in der Vergangenheit manche gute Saat gesät haben und ernten in der Gegenwart offensichtlich eine reiche Ernte, oder sie handeln jetzt nach dem Grundsatz: horten, raffen, an sich reißen, und bauen sich somit ein Hornissennest für die Zukunft. Alle diese Menschen, die im Überfluss leben, vergessen unglücklicherweise, dass sie in jedem Fall durch „unsichtbare Fesseln aus Gold“ gebunden sind und Leid entgehen, ohne es zu wissen.
 
Ein bekanntes Sprichwort sagt, dass die Paläste und Mauern der Mächtigen mit dem Schweiß und den Tränen der Armen errichtet wurden. Wenn man in der Vergangenheit nicht Gutes gesät hat, kann man in der lebendigen Gegenwart keine reiche Ernte einbringen. Es kann auch sein, dass man unmerklich und für keinen sichtbar die Last einer Schuld mit sich trägt. Sät man jetzt nicht gute Saaten, wie kann man dann erwarten, dass man später imstande ist, gute Früchte zu genießen, und für wie lange?
 
Darüber hinaus können einen gute Taten allein nicht von den Rückwirkungen schlechten Tuns befreien, geradeso wie schmutziges Wasser nichts reinwaschen kann. Wie ein christlicher Heiliger sagt, wir sind bei all unserer Rechtschaffenheit nichts als unreine Knechte. Keiner ist rein, nein, auch nicht einer. Der Mensch unterliegt immer dem Gesetz des Gebens und Nehmens oder der Belohnung und Bestrafung. Dem Weg des guten Handelns zu folgen ist fraglos etwas Wünschenswertes und besser als der Weg übler Taten, aber das ist nicht genug. Ein hohes ethisches Leben kann den Aufenthalt im Paradies für eine lange Zeit sichern, wo er sich in aller Wonne der himmlischen Glückseligkeit erfreut, aber auch dort ist er noch im astralen oder kausalen Körper gefangen und hat sich noch nicht vom Kreislauf der Geburten und Tode befreit. Solange man sich als den Handelnden betrachtet, kann man dem Rad der Geburten nicht entkommen und hat die Früchte seines Handelns zu ertragen. Einzig die Verbindung mit dem Heiligen Geist, dem heiligen Wort oder Naam hilft dem Menschen bei seinem Aufstieg zu den höheren spirituellen Regionen, weit entfernt von den Geistern derer, die immer wieder Geburt und Tod erleiden und sich in endlosem Kreislauf auf- und ab bewegen, ohne einen Ausweg zu finden.
 
Hölle und Himmel sind die Regionen, in denen die ohne Körper lebenden Geister relativ lange Zeit, entsprechend ihren guten und schlechten Taten, wie der Fall gerade liegt, zu bleiben haben. Wie lange sie sich dort auch aufhalten müssen, es ist nicht für immer und löst sie auch nicht aus dem unerbittlichen Kreislauf der Geburten und Tode heraus. Das Paradies, auch Himmel oder Garten Eden genannt, ist das Eldorado gewisser Glaubensgemeinschaften. Von vielen wird es auch als Erlösung bezeichnet. Das ändert nichts an der Tatsache, dass man wieder einen menschlichen Körper erhält, nachdem man die Wohltaten des Paradieses für eine Zeitspanne genossen hat, die durch die eigene guten Taten bestimmt wurde; denn der irdische Körper allein bietet der Seele die Gelegenheit, jene Verdienste zu erwerben, die schließlich zur Befreiung führen. Selbst die Engel als Diener Gottes streben nach der menschlichen Geburt, wenn sie glauben, ihre Aufgabe erfüllt zu haben. Wenn wir also dem allgemein anerkannten und für richtig befundenen Pfad des guten Handelns folgen, an den die meisten von uns glauben, findet man sich letztlich wiederum im Netz der unersättlichen Begierden und des Ehrgeizes verstrickt; und mit diesem glitzernden und stets flüchtigen Irrlicht vor Augen bleibt der Mensch unwissentlich im stählernen Griff der Karmas gefangen. Um sein Ziel zu erreichen, verrichtet er verschiedene Arten asketischer Härten und Bußübungen (Tapas), die ihm zu einem besseren Leben verhelfen sollen. Und gewinnt er die Herrschaft über ein Königreich, lässt er seinem Gemüt freien Lauf, setzt sich über alle Schranken hinweg und vollbringt gewaltige Heldentaten großer Tapferkeit, von denen die meisten schlimm genug sind, ihn in die Hölle zu bringen. Nachdem er die bittere Lektion der Höllenfeuer erfahren hat, in die er sich gestürzt hat, versucht er von neuem, in den Bußübungen Trost zu finden. So bleibt er immer gefangen und in den unheilvollen Kreislauf der Versuchungen und Verlockungen verstrickt, der ihn von der Hölle zur Buße, von den Bußübungen zur Herrschaft und von dort wieder in die Hölle führt – immer wieder aufs neue in der Gestalt eines endlosen Kreislaufs, der ihn auf dem Rad des Lebens aufwärts und abwärts trägt. So schafft sich jeder selbst Himmel und Hölle und bleibt durch die eigenen üblen Taten in das feinmaschige Netz des Lebens verstrickt, das er sich selbst gewebt hat.
 
Wer dem Weg der Heiligen folgt, dem mittleren Pfad, der genau zwischen den beiden Augenbrauen beginnt, kommt mit den Regionen von Hölle und Paradies nicht in Berührung, denn er umgeht den Pfad des Karma-Yogi, der durch selbstlose soziale Arbeit frei wird von Bindungen. Selbst wenn eine Seele, die unter dem Schutz eines Meister-Heiligen steht, für eine Weile in die Irre geht, ist ihre Errettung dennoch gewiss. Obgleich die Heiligen lebende Beispiele der Demut sind und nicht von der Befugnis sprechen, die ihnen übertragen wurde, weisen sie doch zuzeiten indirekt auf die erlösende Kraft der Heiligen hin, die vor ihnen lebten. Die Schriften zeigen auf, dass der heilige Nanak einen Schüler rettete, der sich auf einem Irrweg befand, welcher in die Hölle führte. Der Heilige musste um eines verlorenen Schafes willen die Höllenglut aufsuchen und seinen Daumen in die flüssigen Höllenfeuer tauchen. Und er kühlte dadurch den ganzen Schmelzofen der Hölle ab, was nicht nur einer, sondern einer Vielzahl sündiger Seelen Linderung verschaffte, die dort in großer Not mitleiderregend wehklagten. Aus der Zeit König Janakas und anderer werden uns ähnliche Ereignisse berichtet. Auch mein Meister Hazoor (Baba Sawan Singh [1858-1948]: Meister des Autors) musste einmal einen Schüler, der sich auf Abwegen befand, dem Verderben entreißen. Wie kann es dann für einen gewöhnlichen Menschen Erlösung von der Hölle geben?
 
Jene, die hingebungsvoll das heilige Wort über, deren Mühen werden enden; Ihr Antlitz erstrahlt voll Herrlichkeit, o Nanak! und viele werden mit ihnen gerettet werden.
 
Es gibt noch eine andere Region, die von den Moslem-Heiligen Fegefeuer (Eraf) genannt wird und die Freuden wie auch Schrecken in variierendem Ausmaß bereithält. Mehrere Meister verschiedener Grade beschrieben unterschiedliche Erfahrungen von Ängsten und Höllenqualen. Das alles entspringt nicht irgendeiner einfallsreichen Phantasie, sondern ist sehr ernst gemeint und des Nachdenkens wert. Und ob man es glaubt oder nicht, der Schüler eines Heiligen wird von all dem nicht betroffen. Solange er seinem Meister-Heiligen treu ist, kann ihm keine Macht der Welt auch nur ein einziges Haar auf dem Kopf krümmen. Ein wahrer Schüler eines Meister-Heiligen sagt treffend:
 
Ich handle nur mit den Heiligen und habe allein mit ihnen zu tun; durch das Guthaben, das sie mir gewährten, wurde ich von aller Täuschung frei, und der Todesengel kann mir nun kein Haar mehr krümmen, da die gesamte Aufzeichnung meiner Taten den Flammen übergeben worden ist.
 
Wiederum heißt es:
 
Der Engel des Todes ist in der Tat unbesiegbar, und keiner kann ihn bezwingen; aber in der Gegenwart des Tonstromes des Meisters ist er machtlos; der bloße Klang Seines Wortes erfüllt ihn mit Schrecken und lässt ihn entfliehen, denn er fürchtet, der Herr der Heerscharen könne ihn selbst zu Tode treffen.
 
 
 
 
 
Liebe und Dienen
 
Es gibt nicht einen, von dem sagen könnte, er sei für sich alleine geboren, denn keiner kann ganz für sich leben. Den Bedürftigen, Kranken und Hungernden zu dienen, ist etwas, das weit wirksamer ist als bloßes Predigen. Uneigennütziges Dienen schürt und entfacht die Glut des Mitleids, der Güte und Liebe. Diese Tugenden haben eine große läuternde Wirkung, sie reinigen den Menschen von allen Schlacken und geben ihn ein Anrecht auf das höchste Wissen von Gott. „nach der Arbeit ist gut ruhen“, lautet ein bekanntes Sprichwort.
 
Nichtverletzen (Ahimsa) heißt nicht nur, Töten, Gewalt und Unrecht zu meiden, sondern schließt auch üble Gedanken und böse Worte aus. Wenn es auch für Bestien oder wilde Tiere nicht gelten mag, so erfüllt Nichtverletzen (Ahimsa) den Menschen mit einer Stärke, die nicht nur viele Tugenden übertrifft, sondern sie höchste und überragendste aller Tugenden bildet. Aufrichtig Suchenden auf dem Pfad zu Gott zu dienen, ist von weit größerem Wert als jeder andere Dienst. Hilfeleistungen schließen unter anderem ein, Almosen an die wirklich Armen und Bedürftigen zu verteilen, jenen Freude zu bereiten, die an unzugänglichen Stellen außergewöhnlich schwere Arbeit leisten, Kranke zu pflegen und den Leidenden beizustehen. All diese Eigenschaften sind eine große Hilfe auf dem Pfad und sollten durch unermüdliche Ausübung auf jede nur mögliche Weise gefördert und entwickelt werden. Aber man darf sich damit allein nicht zufrieden geben, sondern muss mit der Hilfe dieser Reinigungsprozesse auf den Weg in die Freiheit voranschreiten, wie es uns der Meister zur Pflicht gemacht hat.
 
Liebe ist das Allheilmittel für die meisten Übel der Welt. Sie bildet den Kern aller anderen Tugenden. Wo Liebe ist, da herrscht Friede. Liebe, und alle Segnungen werden dir zuteil, lautet der zentrale Gedanke der Lehren Christi. Das ganze Gebäude des Christentums fußt auf den beiden untrennbaren Grundsätzen: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“ und „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Gott ist Liebe und so auch die menschliche Seele, da sie ein Funke desselben Geistes ist. Johannes sagt: „Wer nicht liebt, kennt Gott nicht, denn Gott ist Liebe“ und „Wer Gott liebt, der liebt auch seine Brüder“. Guru Gobind Singh betonte mit gleichem Nachdruck die grundlegende Notwendigkeit der Liebe: „Wahrlich, ich sage euch: Gott offenbart sich nur jenen, die lieben.“ Ein Moslem-Heiliger sagt:

Gott erschuf den Menschen als eine Verkörperung der Liebe;
zu seiner Verherrlichung hätten seine Engel völlig genügt.
 
Zur Krönung all dieser Tugenden gehören noch Wahrhaftigkeit und ein gutes Leben. In erster Linie sollten wir ehrlich zu uns selbst sein. Die meisten von uns leiden unter dem Übel, dass Gedanken, Worte und Handlungen nicht im Einklang stehen. Wir denken etwas ganz anderes, als unsere Zunge sagt, während unsere Hände wiederum etwas anderes tun. „Sei dir selbst treu, und es folgt wie die Nacht dem Tage, du kannst nicht falsch sein gegen irgendjemand“ (Shakespeare). Ihr lebt in diesem Körper, und Gott, die beherrschende Kraft, wohnt auch in ihm. Seid ihr wahr zu euch selbst, habt ihr niemanden zu fürchten. Wollt ihr jemanden betrügen, müsst ihr euch erst selbst betrügen. „Rama kann Rama nicht betrügen“, waren die Worte von Swami Ram Tirath, als ihn jemand vor den trügerischen Wegen der Welt warnen wollte. Wahrhaftigkeit ist die größte aller Tugenden, doch eine wahre Lebensweise steht noch darüber. Wir müssen versuchen, in diesem Tempel des Heiligen Geistes ein reines und sauberes Leben zu führen und dürfen ihn nicht durch Falschheit und durch Begierden des Fleisches beschmutzen und so in eine Wechselstube des Teufels verwandeln.
 
Es wird allgemein geglaubt, dass Wohlstand die Quelle des Friedens sei, doch er täuscht die Toren wie ein Irrlicht und bringt die Reichen in Gefahr. Er lässt dem Gemüt die Zügel schießen; und wenn es einmal vom rechten Weg abgewichen ist, nimmt es sorglos Sünden auf sich, die schreckliche Folge nach sich ziehen. Sein „Selbst“ mit Gedanken, Worten und Taten völlig dem Schmutz weltlicher Unreinheiten hinzugeben ist eine abscheuliche Sünde, und ihr Lohn ist der Tod. Die Wege, die zu weltlichem Reichtum, und jene, die zu Gott führen, liegen weit auseinander. Wir können nur einen von beiden einschlagen, so wie es uns beliebt. Das Gemüt ist ein ungeteiltes Ganzes, das den Körper einerseits mit der Seele und andererseits mit der Welt und dem weltlichen Reichtum verbindet. So muss man zwangsläufig zwischen diesen beiden Möglichkeiten wählen. Sind die Würfel einmal gefallen, muss man sich notgedrungen unaufhörlich darum bemühen, das Ziel zu erreichen, welches es auch sei. Doch Wohlstand an sich ist kein Hindernis auf dem Weg der Spiritualität, da sie das gemeinsame Erbe aller ist, der Reichen und der Armen gleicherweise, und keiner kann sie als besondere Gabe für sich beanspruchen.
 
Alles, was man braucht, um den Pfad erfolgreich zu beschreiten, ist wirkliches Verlangen, ehrliche Absicht, ein reines Leben und zielbewusste Hingabe an die Sache. Ein Reicher muss natürlich darauf achten, dass er bei der Vermehrung seines Reichtums kein Unrecht begeht, und dass sein ehrliches Vermögen für einen guten Zweck verwendet und nicht für kurzlebige Dinge verschwendet. Er sollte seinen Reichtum immer als ein heiliges, von Gott anvertrautes Gut, betrachten, das er bekam, um den Armen und Bedürftigen, den Hungernden und Dürstenden, den Kranken und Leidenden zu helfen; denn als Menschen und Kinder desselben Vaters haben sie ein Recht auf seinen Beistand. Das war der Rat des Weisen Ashtavakra an König Janaka, als er ihm nach der Gewährung einer wirklichen Erfahrung der Wissenschaft der Seele sein Königreich zurückgab, das der König vor seiner Einweihung (Initiation) in den heiligen Pfad tatsächlicher spiritueller Erfahrung seinem Meister-Lehrer übergeben hatte. Er (der Rishi oder Gottmensch) riet ihm, sein Königreich als Geschenk zu betrachten und seine Macht zur Verbesserung der Lebensbedingungen des Volkes und Landes, das Gott seiner Obhut anvertraut hatte, zu gebrauchen. Wenn auf rechte Weise erworbener Reichtum nicht gut und weise genutzt wird, gerät man leicht auf Abwege, wird selbstsüchtig und zum Sklaven des nunmehr unrechtmäßigen Wohlstandes und verfängt sich unmerklich in den goldenen Ketten, die einen in Knechtschaft halten. Um uns davor zu warnen, erklärte uns Christus mit unzweideutigen Worten, „dass es leichter ist für ein Kamel durch ein Nadelöhr zu gehen, als für einen Reichen, das Reich Gottes zu betreten“. Der Nobelpreisträger T. S. Eliot sagte: „Denkt nicht an die Ernte, sondern einzig an die rechte Saat.“
 
Somit ist die Aussaat von vorrangiger Bedeutung, denn die Güte der Ernte hängt von der Qualität der gesäten Saatkörner ab. Danach kommt die rechte Aufzucht, der Prozess der Menschwerdung, der gewöhnlich lange Zeit erfordert und sich über mehrere Verkörperungen erstreckt, je nachdem, wie es der durch die Vergangenheit bestimmten mentalen Beschaffenheit des einzelnen entspricht. Aber mit der rechten Art von unerschütterlicher Hingabe und der Gnade der Meisterkraft kann man diesen sonst sehr schwierigen und gewundenen Pfad leicht durchschreiten. „Ein vollendeter Meister, der mit den Krümmungen und Wendungen des Weges wohlvertraut ist“, sagt Kabir, „kann den Schüler im Nu hindurchbringen.“ Die Pilgerseele, die einen kompetenten Führer hat und sich ernsthaft bemüht, kann leicht über das Meer der Welt schwimmen, auch wenn sie mitten im weltlichen Leben steht. Jene, die nicht täglich Bhajan (Spirituelle Übung: Konzentration auf den inneren Ton) und Simran (wörtl.: Wiederholung, Erinnerung; hier: Wiederholung der fünf heiligen Namen Gottes, die der Schüler bei der Initiation erhält und die als unabdingbarer Schutz für die Meditation und die damit verbundenen Reise durch die geistigen Ebenen dienen) Zeit widmen, befinden sich immer in Schwierigkeiten. Sie treiben in einem endlosen Strom wollüstiger Freuden dahin. Die Übung des Sich-Lösens von der Welt (Vairagya) durch rechte Unterscheidung hilft beim Vorgang der Selbstreinigung, und nach und nach wird der Schüler befähigt, den Upas-Baum der unzähligen Wünsche zu fällen, indem er erst die Zweige abschneidet und ihn dann an der Wurzel trifft.
 
Keiner ist ohne Fehler. Der Mensch ist ein Kind des Irrtums; und der Irrtum ist stets sein Bekenntnis. Obwohl es menschlich ist, in Sünde zu fallen, ist es doch schändlich, in ihr zu verbleiben. Es bringt keinen Gewinn, schlechte Waren zu horten. Es ist gut, in einem Tempel geboren zu werden, aber in ihm zu sterben ist Sünde, denn wir müssen uns nach und nach über alle Formen und Förmlichkeiten der Kindergartenstufe, die alle Religionsgemeinschaften bieten, erheben und in den Sonnenschein der Spiritualität hineinwachsen. Wenn wir unsere Zukunft zu etwas Göttlichem gestalten und zur Wirklichkeit des Jenseits erwachen wollen, müssen wir den Pfad erforschen. Wer keinen Gedanken an die Zukunft verwendet, wird bald die Gegenwart bereuen. Die Sünden und Sorgen sind unsere ständigen Begleiter und folgen einander Hand in Hand. Die kleinen Schwächen führen allmählich zu den größeren; doch solche, die man eingesteht, hat man bereits halb überwunden. Aufrichtige Reue, der gute Taten folgen, hilft im großem Maß, Leid zu mildern. Der Mensch würde wenig für Gott tun, wenn der Teufel tot wäre. Wer unter dem Schatten eines drohenden Unheils lebt, der lebt am besten, denn er bemüht sich aufs äußerste. Es ist recht leicht, andere zu kritisieren, aber sich selbst zu ändern, ist furchtbar schwer, denn wir sehen den Balken im eigenen Auge nicht. Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit; und einer im voraus bedachten Gefahr, ist man bereits halb entgangen. Wer gewarnt ist, der ist gewappnet.
 
Menschen, die an die physische Ebene gebunden sind, müssen die Gebote eines „befreiten“ Meisters und Heiligen befolgen, wenn sie sich selbst aus der Täuschung von Gemüt und Materie befreien wollen. Legt die Last all eurer Verantwortlichkeiten zu Füßen eures spirituellen Meisters nieder, und der tödliche Griff der Sünden wird langsam, aber sicher seine Macht über euch verlieren. „Verlasset alles andere und folget mir nach“, lautet die Ermahnung Lord Krishnas. „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch Frieden geben“, sagte Christus. Der ergebene Schüler empfindet wirklich, dass ihm selbst das Krankenzimmer zum Tempel der Hingabe wird. Ein Meister, der in der Ausübung des heiligen Wortes wohlbewandert und in der Lage ist, andere darin zu unterweisen, zu initiieren, ist der wahre Meister und ein vollendeter Führer (Murshid-i-Kamil). Wie ein fähiger und tüchtiger Verwalter vermag er all unsere Taten und Rechnungen zu begleichen, und er rät uns gleich Jesus: „Sündigt nicht mehr“. Und Hazoor Sawan Singh Ji handelte ähnlich, wenn ein Schüler bei einer öffentlichen Versammlung einen Fehler bekannte und um Nachsicht flehte. Sanft hob er seine rechte Hand und sagte: „Bis hierher und nicht weiter!“
 
Sollen wir denn nichts tun? Wie kann das sein? Die Antwort ist einfach. Solange ihn das Gemüt beherrscht, muss der Mensch handeln, und selbst wenn er seine Taten gemäß den Weisungen des Meisters einschränkt und gleichzeitig die höchsten Tugenden entwickelt, bleibt ihm keine andere Wahl, als zu handeln. Wer gar nichts tut, lernt nach und nach, Schlechtes zu tun und erschließt wie Pandora das Übel, das in ihm begraben liegt. Wenn man wünscht, auf Rosen gebettet zu sein, muss man sich erst mühen, sie zu züchten und zu pflegen. Doch unser Handeln bleibt stets dem Zufall überlassen und ist auf selbstsüchtige Ziele gerichtet. Wir wissen nicht, was wir tun und was wir lassen sollen. Der Meister-Heilige ist der göttliche Gebieter seiner Zeit. Sowohl durch seine Liebe, seine Führung und seine Unterweisung als auch durch sein Beispiel veranlasst er die Menschen zu Taten der Hingabe und Verehrung und entfaltet in ihnen Liebe für die göttlichen Bindeglieder (das Wort, Naam, die innere Stimme Gottes, Kalma oder Alam-i-Quadim, Akaashbani oder Bang-i-Asmani), die er in ihnen offenbart.
 
Man wird einen Meister nicht seiner Wohnstatt wegen achten, vielmehr die Wohnstatt seinetwegen. Denn der Heilige ist unserer höchsten Achtung, Liebe und aller Verehrung würdig. Er gewährt uns die Verbindung mit dem Göttlichen und ein Erlebnis momentanen Vergessens unseres körperlichen Selbst, wodurch wir einen deutlichen Blick auf die göttlichen Bindeglieder in uns erlangen. Schritt für Schritt wird uns eine immer größere mystische Erfahrung zuteil. In seinen spirituellen Vorträgen, den Satsangs, wird vielen Sünden der Vergangenheit kurzer Prozess gemacht. Durch die Gemeinschaft mit ihm, sei es in Gedanken, durch Briefwechsel oder in der Meditation, wird uns große Hilfe hinsichtlich der Karmas und sündhafter Beziehungen zuteil. Wenn auch die Sünden des Menschen endlos sind, nimmt doch zur gleichen Zeit auch die grenzenlose Gnade Gottes, die seiner Unermesslichen Schatzkammer entströmt, kein Ende. Wo auch immer wir uns auf dieser Lebensreise befinden mögen, an welchem Ort, in welcher Religion, in welchem Land oder in welcher Gesellschaft, unser wichtigstes Gepäck und Gut ist das heilige Wort, die Verbindung mit dem lebendigen „Rettungsanker“ im Inneren: dem Licht und der Stimme Gottes. Die verschiedenen Namen Gottes dagegen, die wir gewöhnlich kennen und so oft wiederholen, sind bloße Worte, die wir selbst erfunden haben, um die namenlose Wirklichkeit zu benennen, deren unteilbares Ganzes, unaussprechlich und unbeschreibbar ist.
 
Die Meister-Heilige (Sant Satguru) ist der heilige Vater, der von weither und zum Nutzen aller kommt, ganz gleich, ob es sich um sündige oder tugendhafte Menschen handelt; denn beide sind gleichermaßen in den Fesseln der Welt gefangen, ob diese nun aus Gold oder Eisen sind. Er liebt alle, und Liebe führt zu Vergebung. Fürchtet niemals, euch ihm zu nähern, bloß weil ihr Sünder seid! Er würde es nicht zulassen, dass eines seiner Kinder zur Strafe in eine Besserungsanstalt oder ein Gefängnis käme, oder es gar der Folter übergeben. Ein liebender und gütiger Vater würde das niemals tun. Der Meister wird das irrende Kind eher selbst zurechtweisen oder ihm ein wenig körperliches Leid auferlegen, um es zu bessern und wird doch, wenn auch unsichtbar, stets bei ihm bleiben, um es von innen zu stützen, bis die kurze Zeit des Leids vorüber ist. Er handelt genau wie ein Töpfermeister, der das Gefäß auf der Drehscheibe vorsichtig mit einem Schlegel bearbeitet, um ihn die rechte Form zu geben, während er die andere Hand von innen dagegenhält, damit es nicht zerbricht. Des Meisters Liebe ist grenzenlos. Das Reich eines Heiligen (Darvesh) ist eines der Gnade.
 
Es ist die Pflicht des Gefängnisvorstehers, die Gefangenen eingesperrt zu halten, sie zu läutern und zu bessern. Gleicherweise war es immer das Ziel der Gottheiten und göttlichen Verkörperungen (Avatare), die Menschen an sich gebunden zu halten, indem sie diese mit den Gaben verschiedener magischer und übernatürlichen Kräfte (Ridhis und Sidhis) überschütteten. (Das bezieht sich auf die Gewährung von Gaben, Geschenken, Vergünstigungen, Wohlstand, Erleichterung und Hilfe auf weltlichen Gebieten sowie die Verleihung übermenschlicher Kräfte, die sich für Gutes oder Böses einsetzen lassen.) Doch sie können ihren Ergebenen diese begrenzten Erleichterungen und Hilfen bis zu jener Stufe gewähren, die sie selbst erreicht haben und ihnen darüber hinaus in den Regionen, die sie beherrschen, jederzeit einen Aufenthalt in ihrer Nähe gewähren. Aber sie können niemanden helfen, die Einswerdung mit dem Allmächtigen zu erreichen, da jene untergeordneten Kräfte dieses größte Vorrecht selbst nicht besitzen.
 
Die oben erwähnten Außergewöhnlichen Fähigkeiten (Sidhis) sind Yoga- Kräfte, die dem Wahrheitssucher nach ein wenig Übung (Sadhan) von allein zufallen; doch auf dem Weg zur Gottverwirklichung stellen sie entschiedene Hindernisse dar, da wir dem Verlangen nach Wundertaten wie Gedankenlesen, Wahrsagen, Hellsehen, dem Durchdringen der Materie und der Erfüllung von Wünschen, geistigem Heilen, Hypnose, Magnetismus und ähnlichem gewöhnlich nicht widerstehen können. Es gibt acht Arten dieser Yoga- Kräfte:

Anima: für die äußeren Augen unsichtbar werden;
Mahima: den Körper beliebig ausdehnen;
Garima: den Körper beliebig schwer machen;
Laghima: den Körper beliebig leicht machen;
Prapti: alles durch bloßem Wunsch erlangen;
Ishtwa: allen Ruhm für sich gewinnen;
Prakayma: die Wünsche anderer erfüllen;
Vashitba: Einfluss und Macht über andere erringen.

Doch eine wirklich große Seele, ein Mahatma, der Zugang zum höchsten Bereich hat, vergibt und befreit uns und gewährt uns in diesem Leben Zutritt zum Reich Gottes, vorausgesetzt natürlich, man ist völlig entschlossen, sich ihm hinzugeben und seine Gebote mit liebevollem und aufrichtigem Herzen zu befolgen. Aber für jene, die gewohnt sind, dem Diktat ihres eigenen Gemüts Folge zu leisten, ist das eine etwas schwierige Aufgabe. Es entspricht der schwankende Natur des unkultivierten und unbeherrschten Gemüts, etwas einmal anzunehmen und ein anderes Mal wieder dagegen aufzubegehren. Heilige wie Maulana Rumi (berühmter persischer Moslemheiliger) gehen sogar soweit zu sagen:
 
Komm, komm wieder und immer wieder, selbst wenn du die Treue tausendmal gebrochen hast! Denn in der erlösenden Gnade eines Meister-Heiligen gibt es stets einen Platz für dich.
 
Wenn ihr einmal des Meisters eigen geworden seid, wird er euch niemals aufgeben, auch wenn ihr in einem Moment der Versuchung und Prüfung der Schwäche nachgebt und ihn verlasst oder vom Pfad abirrt. Die Christus-Kraft hat erklärt: „Ich will dich nicht verlassen noch versäumen bis an der Welt Ende“. Er hat sein eigenes Gesetz der Liebe und Barmherzigkeit und kümmert sich jeden Augenblick um jeden einzelnen, auch wenn jemand seinen Weg der Selbstdisziplin verlängert, indem er des Meisters Liebe verschmäht. Die Quelle allen Friedens und allen Glücks liegt jenseits des physischen Körpers, im Inneren des Menschen. Wer keinen inneren Frieden hat, sollte dem Selbst, dem Gemüt und der Seele die rechte Nahrung angedeihen lassen. Das Wort oder Naam ist der wahre „Tröster“, der Friedensbringer, der Ruhe und Erlösung spendet. Die allgemeine Bedeutung des Wortes Erlösung, die uns das Wörterbuch gibt, sollte nicht als bloße Befreiung von der Sünde verstanden werden. Es bedeutet Freiwerdung vom Zyklus der Geburten und Tode sowie Einswerdung des Geistes mit dem Herrn und geistiges Leben in Ewigkeit.
 
Der gewöhnliche Mensch macht sich nicht viel aus der Erlösung, und das gilt auch für viele geistige Bewegungen. Die Gründer der verschiedenen Religionsgemeinschaften haben ihre spirituellen Erfahrungen der inneren Bereiche, zu denen sie Zutritt hatten, offenbart und diese als das höchste oder letzte Ziel der Erlösung und als ewiges Leben beschrieben. Der Meister- Heilige ist ein Besucher all dieser himmlischen Regionen und beschreibt seine Stellung manchmal in Form von Gleichnissen. Er erklärt mit unzweideutigen Worten: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Die Heiligen treten demnach für die ewige Erlösung in unserem gegenwärtigen Leben und nicht nach dem Tode ein, denn wer weiß was dann geschieht? Die Erlösung nach dem Tod mag sich letztlich als bloße Täuschung erweisen; und es ist nicht gut, das Leben in einem fortwährenden und nicht enden wollenden Zustand der Ungewissheit zu verbringen. Währe der Tod ihre Vorbedingung, bliebe die Erlösung nichts als ein Phantasiegebilde. Ein wirklicher Heiliger befreit die Seele jetzt in diesem Leben von jeder Gebundenheit an Geburt und Tod. Er vertraut auf den „Tod im Leben“ oder die Befreiung während des Lebens, was in der Sprache des Yoga jivan-mukti genannt wird. Die Seele kann sich also mit dem unaussprechlichem Einen verbinden, während sie noch im Körper lebt; und zum Zeitpunkt des endgültigen Lösens der inneren Bindung an den Körper wird sie schließlich im Allmächtigen aufgehen.
 
Gemeinhin wird geglaubt, dass wir nach dem physischen Tod die Erlösung erlangen. Der Begriff „Tod“ schließt jedoch das zeitweilige und willentliche Zurückziehen der Geistesströme vom physischen Körper mit ein und bedeutet nicht nur die endgültige Auflösung und den Zerfall des physischen Körper in seine einzelnen Bestandteile, wie man gewöhnlich annimmt. Es widerspricht der Vernunft zu glauben, dass ein Mensch, der während seines Lebens nur an weltliche Dinge gedacht hat, nach dem Tode augenblicklich zur befreiten Seele wird. Die ethisch geschulten, spirituell Ergebenen erlangen die Erlösung noch während des Lebens und besiegen somit den Tod, den letzten Feind der Menschheit, in ihrem Leben. „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“, erklärte Paulus. Und mein Meister sagte stets: „Ein Gelehrter (Pandit) im Leben bleibt auch nach dem Tod ein Gelehrter.“
 
Karmas aufzulösen und die Seele von all ihren Fesseln zu befreien, liegt nicht im Aufgabenbereich irgendeines Politikers, Diplomaten, Staatsmanns, Ministers oder gar einer Regierung. Selbst die Avatare als Inkarnationen höherer Kraft sind diesbezüglich hilflos. Auch die Götter und Göttinnen, welche die niedrigeren Kräfte des höchsten Wesens verkörpern, müssen, wie bereits erwähnt, auf die menschliche Geburt warten, bevor sie zum Höchsten gelangen können.
 
Auf jenen Seelen, die sich nicht unter den Schutz eines wahren Meisters (Sant Satguru) begeben haben, lastet noch die schwere Bürde des Vorrats-, des Saat- und des Schicksalskarmas. Jene, die nicht in die Wissenschaft des Jenseits initiiert sind, können in Bezug auf das Schicksal oder Pralabdha nur wenig Hilfe erfahren und müssen es in voller Stärke und ohne jede Milderung ertragen. Auch die Früchte der Taten, die Saatkarmas, die sie unter dem Gebot des Gemüts in diesem Leben bewirkten, werden sie unbedingt in vollem Maße zu ernten haben. Das ist ein strengen und unerbittliches Gesetz, ob man daran glaubt oder nicht. Das karmische Gesetz macht keine Ausnahme, es arbeitet unbarmherzig und zermalmt uns alle gleichermaßen in der Tretmühle der Zeit.
 
Unsere Handlungen, ob gut oder schlecht, werden vor Sein Gericht gebracht; und unsere eigenen Taten werden uns emportragen oder in die Tiefe schleudern. Jene, die sich mit dem Wort verbunden haben, deren Mühen werden enden; und ihr Antlitz wird von Glanz erstrahlen; nicht nur sie werden die Erlösung erlangen, o Nanak, sondern viele andere werden mit ihnen die Freiheit finden.
 
Es ist demnach von größter Bedeutung, nach einem Meister zu suchen, der fähig ist, den sonst endlosen Kreislauf der Karmas zu durchbrechen, zu seinen Lotosfüßen Zuflucht zu nehmen und uns vom übermächtigen Einfluss unserer Taten zu befreien.
 
 
 
Die rechte Lebensweise
 
Für die Entwicklung von Körper und Geist ist es von ungeheurer Bedeutung, wie wir unser irdisches Leben gestalten. Deshalb müssen wir uns sehr bemühen, das Leben zu vereinfachen und lernen, ein aufrichtiges Leben zu führen. Von der rechten Lebensweise hängt alles andere ab, sogar die Suche nach dem Selbst und dem Überselbst. Die Bedeutung der richtigen Lebensweise kann nicht nachdrücklich betont werden. Zu Recht heißt es:
 
Die Wahrheit steht über allem, noch darüber aber die wahre Lebensweise!
 
Ein einfaches Leben und hohes Denken waren schon immer die Ideale bei den Alten, nach denen sie stets strebten. Aber in der heutigen Zeit verschwenden wir kaum einen Gedanken daran, obwohl wir uns manchmal zu ihnen bekennen und ein Lippenbekenntnis ablegen. Wenn es auch schwer erscheinen mag die höchste Art Leben zu erreichen, ist es doch die Mühe wert zu sehen, was es bedeutet und welche Mittel und Wege uns helfen, es anzunehmen und es uns anzueignen. Bei allem, was wir tun, setzen wir uns immer ein Ziel, untersuchen die damit verbundenen Gesetzmäßigkeiten, erforschen die Methoden, die uns zu dem ersehnten Ziel führen und unterziehen uns schließlich einer regelmäßigen Prüfung und einer gründlichen Untersuchung, um zu erkennen, wie weit wir dem gesetzten Ziel nähergekommen sind. Um das zu erreichen, müssen wir natürlich unsere ungeteilte Aufmerksamkeit einsetzen und uns jeden Tag von neuem aufrichtig bemühen, bevor wir in unserem Leben und Verhalten uns selbst und den Menschen in unsere Umgebung gegenüber einen merklichen Fortschritt verzeichnen können.
 
Da erhebt sich natürlich die Frage, woraus denn das menschliche Leben besteht. Der betagte Mensch, der im Leben schon viel erfahren und von dem, was er von der Welt gesehen und erlebt hat, mehr als genug hat, wendet sich der Analyse seines Lebens zu. Besteht das Leben wirklich nur aus Essen, Trinken, Schlafen und Kinder-in-die-Welt-Setzen? Aus Furcht, Ärger und Kampf? Raffen, Horten und Hassen? Einsperren und Unterwerfen jener, die körperlich oder geistig unterlegen sind? Darin, andere zu töten und sich ihren Besitz anzueignen? Müssen wir denn unsere Tage mit der Freude an unrecht erworbenen irdischen Gütern verbringen ohne letztlich etwas anderes zu erreichen, als einen erbärmlichen Tod zu sterben, der uns selbst mit Schmerz erfüllt und auch jene, die uns lieb und nahe sind und die hilflos danebenstehen und trauern? Und was ist mit all dem, was uns auf der Erde so gefesselt hat: mit Land, Häusern, Geld, Tieren und mit den anderen zahllosen Besitztümern, die wir notgedrungen ganz gegen unseren Willen zurücklassen müssen? Sollte dann angesichts dieser rauhen Wirklichkeit das Anhäufen weltlichen Reichtums wirklich unser einziges Ziel sein, das Ein und Alles unsere Existenz? Oder sollten wir nach etwas Höherem und Edlerem streben, das von Bestand und Dauer ist und hier wie auch im Jenseits bei uns bleibt? Die Antwort ist einfach: Die allmächtige Kraft, wahre Quelle und Ursprung allen Lebens, unser Hort des Glücks, ewigen Friedens und Mittel zu unserer Befreiung aus der furchtbaren Gebundenheit an Geburten, Tode und Karmas sollte das Hauptziel und das einzige sein, was unseres Verlangens und Strebens wert ist; denn es ist das „summum bonum“, das höchste Gut des Lebens.
 
Das höchste Ziel, das soeben umfassend beschrieben wurde, kann man nicht einfach durch Bitten oder Wunschdenken erreichen. Um dieses höchste Ziel zu verwirklichen, müssen wir uns erst auf die Suche begeben und jemanden finden, der uns helfen kann, diesen Weg auch tatsächlich zu gehen. Einen, der ans Ziel gelangt ist und das Reich Gottes selbst betreten hat und der uns helfen kann, das gleiche zu tun. Wie Licht von Licht kommt, so Leben von Leben. Er wird uns beständig an unsere längst vergessene Heimat erinnern, den Garten Eden, der uns verloren gegangen ist. Er wird uns dann die Schwächen und Versäumnisse unseren täglichen Lebens aufzeigen und uns schließlich helfen, anstelle unseres oberflächlichen und sinnlosen gegenwärtigen Daseins ein wirklich reines Leben höchster Aktivität zu führen. Diese Welt ist ein Haus voller Rauch und Ruß, und selbst wenn man seine fünf Sinne ganz zusammennimmt, kann man kaum verhindern, sich hin und wieder zu beschmutzen, so sehr man sich auch bemüht, es zu vermeiden. Diese zahllosen Schmutzstellen und Flecken sind tief in die Grundform unseres Seins eingedrungen und können nicht mit unseren eigenen ungelenken, unbeholfenen Versuchen ausgewaschen werden. Jeder Mensch wird durch die Antriebskraft seiner Natur gezwungen, seine Rolle auf der Bühne des Lebens zu spielen und sich an sinnlosen Handlungen zu beteiligen, die nirgendwohin führen, wenn uns nicht die helfende Hand einer Meisterseele beisteht und unser Schiff unversehrt durch die Sandbänke und Untiefen steuert. Der Heilige ist solch ein göttlicher Helfer, ob man ihn nun Fackelträger (Guru), Lehre, einen gottesgesandten Heiligen, der eins ist mit der Wahrheit (Satguru), vollendeten Meister (Murshid-i-Kamil) oder Führer (Hadi) nennt oder ihn als Bruder, Freund, Ratgeber, oder mit einem anderen Namen unserer Wahl bezeichnet.
 
Eine weiter Analyse würde uns zeigen, dass das menschliche Leben in der Hauptsache von zwei wesentlichen Dingen bestimmt wird: von der Ernährung (Ahar) und dem Verhalten gegenüber den Mitmenschen und den anderen Geschöpfen (Vihar). Beides erfüllt und prägt das ganze Leben eines Menschen. In diesen beiden Lebensbereichen handeln wir entweder nach der Überlieferung oder wie es uns die begrenzten Informationen aus Büchern oder vom Hörensagen ermöglichen. Ernährung und Verhaltensweisen formen die Grundlage, die wiederum unsere Auffassung von Kultur und Zivilisation bestimmt, die in uns verwurzelt ist und Gemüt und Verstand beherrscht.
 
Es gibt kaum eine vernünftige Schulung, die dem Menschen in allen Lebensbereichen, ob physisch, geistig oder spirituell, die rechte Führung zu geben vermag. Um diesem ungeordneten Zustand zu entkommen, müssen wir das Thema eingehend erörtern und unser Dasein in seine grundlegenden Elemente zergliedern. Es bedarf schon einer gründlichen Analyse, bis wir das Leben in seinem dreifaltigen Aspekt, dem physischen, intellektuellen und spirituellen, gestalten können.
 
 
 
Ernährung
 
Die Ernährung spielt natürlich eine große Rolle bei der Lösung der Frage des Lebens. Wir brauchen Nahrung, um unseren physischen Körper zu erhalten. Die Natur zwingt uns, so lange in der Welt zu bleiben, wie es durch die vom Schicksal festgelegte Lebenszeit bestimmt ist oder bis sich unsere Karmas ausgewirkt haben. Wir müssen uns von irgend etwas ernähren, um unsere bloße Existenz zu sichern. In dieser Hinsicht ist der Mensch ziemlich hilflos. Das Gesetz des Karmas ist das unsichtbare Mittel der Natur, um die Welt in ihrem eisernen Griff zu halten, damit sie bevölkert bleibt und weiterbesteht. Daher ist es von größter Wichtigkeit, sich vor der Annahme gedankenloser, achtloser und unkritischer Eßgewohnheiten zu hüten. Da wir nicht ohne Nahrung leben können, müssen wir zumindest solche Nahrungsmittel auswählen, die unsere geistige Entwicklung am wenigsten beeinträchtigen. Unsere Nahrung sollte uns nicht unnötige karmische Schuld aufbürden, was wir mit ein wenig Sorgfalt vermeiden können. Wenden wir uns nun mit diesem Ziel vor Augen der Betrachtung dieses Naturbereichs zu.
 
Des Menschen Nahrung entstammt im wesentlichen der Erde, durch Wasser und Luft wächst sie im Boden heran. Wir sehen auch, dass alles, was sich bewegt und unbewegt ist, von Leben erfüllt ist. Die sich bewegenden Geschöpfe leben sowohl voneinander wie auch von der sich nicht fortbewegenden Schöpfung, das heißt von Gemüse, Pflanzen, Sträuchern, Kräutern, Bäumen und dergleichen. Der Mensch jedoch freundet sich mit den Geschöpfen an und liebt sie (Vögel und Tiere), die sich von anderen Lebewesen erhalten, und macht sie zu seinen Haustieren. Die Alten wusste wohl, dass Menschen, Vögel und Tiere alle mit den gleichen karmischen Fesseln gebunden sind. Mit dem Gedanken einer allgemeinen Bruderschaft vor Augen haben die Menschen für sich und ihr Haustiere stets schwer gearbeitet. Sie bestellen das Land, bauten Früchte an und erzeugten Nahrung für sich und ihre gefiederten Freunde, für ihre Ochsen und Kühe. Aber im Lauf der Zeit wurden sie bequem, was dazu führte, dass sie den Tieren zuerst die Milch raubten und dann noch ihr Fleisch verzehrten.
 
Den ethischen, sozialen und spirituellen Gesetzen gemäß darf man nicht in das Leben irgendeines Tieres in Gottes Schöpfung eingreifen oder es beeinträchtigen. Diese Lebensweise wird in Indien Ahimsa genannt, das heißt Nichtverletzen aller lebenden Geschöpfe. Dies führte zur vegetarischen Ernährung, die im Gegensatz zur nichtvegetarischen Ernährung steht und sich wesentlich von ihr unterscheidet. Wenn wir die natürlichen und unnatürlichen Ernährungsformen gründlich überdenken, gelangen wir zu einem besseren Verständnis der angeborenen Neigungen (Gunas), natürlichen Anlagen und unbewußten Bestrebungen, die allen empfindenden Wesen innewohnen.
 
Man muss die Nahrung in Samen, Getreide, Gemüse und Früchte einteilen, die man als reine Nahrung (Satvic oder Satoguni) bezeichnet, die Gelassenheit, Heiterkeit und Gleichmut hervorbringt, wie sie die Weisen und Seher auszeichnet. Die Heiligen und Einsiedler, die sich zur Meditation in einsame Höhlen und Hütten zurückzogen, bevorzugten stets Kartoffeln (Kand), süße Kartoffeln, Artischocken (Zamikund) usw., die unter der Erde wachsen und gedeihen. Sie nahmen auch eßbare Wurzeln (Mool) zu sich, die ebenfalls unter der Erde wachsen, wie Rettich, Steckrüben und Rote Bete. Und Obst (Phal) versorgte sie mit ausreichend Vitaminen und organischen Salzen in ihrer Grundform, um sich für ein Leben der Konzentration und Meditation gesund zu erhalten. Manche Nahrungsmittel wachsen natürlich im Überfluss, während andere mühevoll angebaut und erzeugt werden müssen. Die Körner und das Getreide waren für die Allgemeinheit bestimmt.
 
Eine reine Nahrung (Satvic) aus Wurzelgemüse, Kartoffeln, Obst (Mool, Kand, Phal) und Milch usw. verlängert das Leben und heilt eine Anzahl von Krankheiten und Gebrechen. Ihr Nutzen wurde inzwischen selbst von der Medizin erkannt. Heutzutage werden viele Medikamente aus Kräutern, Früchten und Samen bereitet und für äußerst wirksam befunden. Auch alle anderen natürlichen Heilweisen wie Sonnenbäder, Seebäder, Moorbäder und Wasseranwendungen, Massage, Physiotherapie, Naturheilverfahren und Farbtherapie zeigen wunderbare Erfolge. Die reine Nahrung (Satvik) und ein einfaches Leben tragen viel zur Entwicklung höchster Kultur und Zivilisation bei. Wir müssen stets daran denken, dass die Nahrung für Menschen und nicht der Mensch für die Nahrung geschaffen ist. Essen, um zu leben, und nicht leben, um zu essen, sollte unser Grundsatz im Leben sein. Wenn wir diesem Gebot folgen, entwickeln wir Empfänglichkeit für die höheren ethischen und spirituellen Werte des Lebens, die uns allmählich zur Selbsterkenntnis und Gotterkenntnis führen.
 
Die energiespendende Nahrung (Rajsic) umfasst neben pflanzlichen Lebensmitteln Produkte wie Milch, Sahne, Butter und Butterschmalz usw., auch von anderen Tieren als Kühen, sofern man sie in Maßen zu sich nimmt. Im alten Indien war der Genuss von Milch hauptsächlich der herrschenden Klasse vorbehalten, da die Könige besondere Kraft brauchten, um das milde, aufrührerische und barbarische Volk unter Kontrolle zu halten, das sich nicht an die allgemein gültigen Lebensregeln hielt. Das Melken des Milchviehs war erst dann erlaubt, wenn die Kühe geboren hatten und gut versorgt waren; und man ließ genug Milch für die Ernährung ihres Nachwuchses, der Kälber, in den Eutern. Die übrige Milch war den Menschen nur unter besonderen Umständen erlaubt. Dieses spezielle Gesetz war dazu gedacht, die junge Zivilisation vor der Entartung zu bewahren. Auch die Weisen der alten Zeit, die Rishis, die relativ isoliert und ganz für sich lebten und die meiste Zeit in der Einsamkeit meditierten, nahmen Milch nur in begrenzter Menge zu sich und ließen reichlich Milch für die Aufzucht der jungen Tiere in den Eutern.
 
In manchen indischen Dörfern gilt auch heute noch der traditionelle Brauch, nur den Überfluss der Milch zu verwenden. Doch heute verletzt der Mensch in seinem ungezügelten Verlangen nach Macht alle Gesetze der Natur unter dem Vorwand der sogenannten Freiheit, die er für sich in Anspruch nimmt. Unglücklicherweise sind wir darauf verfallen, dem Grundsatz zu glauben, Dass „der Tüchtigste überleben wird“, und diese unkluge Einstellung müssen wir nun teuer bezahlen.
 
Heutzutage herrscht nur noch der Gedanke, soviel Milch wie möglich zu gewinnen, selbst zum Nachteil der Kälber. Mancherorts wirft man diese sofort nach der Geburt in kochendes Wasser und setzt der Kuh Melkmaschinen an, um den letzten Tropfen Milch aus ihrem Euter zu saugen. So trachtet man danach, mit Wettbewerb und Gewinnmacherei Schritt zu halten. Das wird dann stolz hohes technisches Können, Fortschritt und Zivilisation genannt! Die jungen Reformer von heute drängen der Menschheit solche Techniken und diesen Wettbewerb auf, statt Landwirtschaft und Viehzucht zu verbessern und einen Zuchtbestand aufzustellen, was niemandem schaden würde und die große Not beseitigen könnte, vor der heutzutage so oft die Rede ist.
 
Abstumpfende Nahrung (Tamsic) besteht aus Fleisch, alkoholischen Getränken, Knoblauch und eigentlich aus allen nicht genannten essbaren Dingen, ob natürlich oder unnatürlich, abgestanden oder frisch. Wer zu einem hemmungslosen und ungezügelten Essen Zuflucht nimmt, lebt, um zu essen, und isst nicht, um zu leben. Sein Lebensziel ist hedonistisch, einzig auf Triebbefriedigung ausgerichtet. Sein Wahlspruch lautet: „Esst, trinkt und seid lustig!“ er stürzt sich kopfüber in die sogenannten Freuden des Lebens. Wenn er mit ein wenig Konzentrationskraft begabt ist, verwendet er seine ganze Energie (geistig und physisch) darauf, sein kleines Ich, das egoistische Gemüt zu verherrlichen. Diese Verhaltensweise wird voll Selbstgefälligkeit als Zeichen hoher Zivilisation betrachtet. Jenen, die nach Erkenntnis des Geistes im Menschen und nach schließlicher Befreiung der Seele von den Hüllen des Gemüts und der Materie verlangen, wird eine solche Lebensweise von den Meistern der höchsten Ordnung strengstens untersagt.
 
Werden denkende Menschen hier kurz innehalten, um die wirkliche Lage des Menschen zu betrachten und zu erkennen? Warum ist er so stolz darauf, sich selbst das edelste Geschöpf, das höchste und die Krone der Schöpfung zu nennen oder nennen zu lassen? Wohin treibt der Mensch in seiner Unbesonnenheit? Steht er nicht am Rande eines erschreckend steilen Abgrundes, den er jeden Augenblick hinabstürzen kann? Er hat sich durch sein eigenes Verhalten leichtfertig der Rache der Natur ausgesetzt. Er ist beständig in Gefahr, in die tiefsten Tiefen physischer und moralischer Vernichtung gerissen zu werden.
 
Der Mensch hat sich im Hinblick auf seine Ernährung die Bestien des Dschungels zum Vorbild genommen, und er handelt wie ein wildes Tier. Er erfreut sich nicht nur am Fleisch der harmlosen Tiere wie Kuh und Ziege, Hirsch und Schaf, an dem der unschuldigen Vögel in der Luft und der Fische im Wasser, sondern er vergreift sich auch am Fleisch und Blut des Menschen, um seinen unersättlichen Hunger nach Gold und Reichtum zu stillen. Er ist seinen Weg der Selbsterhöhung, den er stolz fortschritt nennt, noch nicht zu Ende gegangen. Er sollte über die grundlegenden Wahrheiten tief nachdenken, gemäß denen uns die Meister eine vegetarische Ernährung empfehlen und vorschreiben. Auch die Pflanzen haben latentes Leben in sich, wie es Wissenschaftler in der ganzen Welt nachgewiesen haben. Doch da wir auf der Bühne der Welt unsere Rolle im Drama des Lebens zu spielen haben und also auch ernähren müssen, um Körper und Seele zusammenzuhalten, sind wir auf das angewiesen, was die Erde hervorbringt.
 
Ja, Gemüse, Früchte und Körner enthalten natürlich Leben in sich. Das grundlegende Element des Lebens ist Wachstum und Verfall. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage ist seit frühester Zeit erkannt worden. Das ist keine neue Ansicht, wenn auch manche Wissenschaftler diese Wahrheit von neuem entdeckt haben und als ihr eigen beanspruchen.
 
Wir wollen nun aber zum Wesentlichen kommen. In der ganzen Schöpfung gilt das Naturgesetz, dass Leben von Leben abhängig ist. Wie die Geschöpfe anderer Schöpfungsstufen, so erhält sich auch der Mensch von Nahrung, die Leben in sich hat. Was die Aufnahme von Karmas betrifft, scheint der Mensch bei oberflächlicher Betrachtung in der gleichen Lage zu sein wie andere Geschöpfe niederer Lebensordnung, wie Säugetiere, Reptilien und dergleichen.
 
Die Natur hat noch ein anderes Antriebsrad, das in dieser materiellen Welt wirkt: das Gesetz der Evolution. Es bewirkt, dass alles Leben Stufe für Stufe dieser Schöpfung durchläuft. Und da sich jedes Wesen von der einen Ebene zur nächsthöheren erhebt, besitzt es einen besonderen Wert, der es von niedrigeren Stufen trennt. Die Grundlage, die seinen äußeren wie auch inneren Wert bestimmt, ist die stoffliche Qualität und der Verstand. Je wertvoller die materielle Zusammensetzung ist, die ein Wesen ausmacht, um so größer ist sein Verstand und somit sein Wert. Die Heiligen wenden dieses Gesetz an, um die Ernährungsfrage des Menschen zu lösen. Sie legen uns dieses Gesetz dar, ob wir es beachten oder nicht, damit wir unsere Ernährung verbessern und einer ernsthaften karmischen Verstrickung und Last, die uns sonst unabwendbar gebunden hielt, so gut als möglich entgehen können.
 
Jede Art von Nahrung hat eine ihr eigene Wirkung auf den Menschen, die das Erlangen des höchsten Zieles der Selbsterkenntnis und Gotterkenntnis erschwert. Dieses Gesetz stimmt mit dem überein, was wir gewöhnlich glauben, obschon wir uns der Ursache unserer Handlungen meist nicht bewusst sind. Wenn wir die folgenden Aussagen über unser tägliches Leben vergleichen, werden wir zu unserer Überraschung feststellen, dass sich das, was wir im sozialen Bereich als richtig erkennen, in gänzlicher Übereinstimmung mit dem Naturgesetz befindet, das hier erklärt wird.
 
Der menschliche Körper, in dem alle fünf Grundelemente der Schöpfung (Tatwas): Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther uneingeschränkt wirksam sind, wird als der wertvollste erachtet. Darum nimmt er in der Rangordnung der Schöpfung die höchste Stelle ein; und man glaubt, dass er Gott, seinem Schöpfer, am nächsten steht. Das Töten seiner Mitmenschen gilt als schändlichstes aller Verbrechen, das mit dem höchsten Strafmaß oder der Todesstrafe geahndet wird. Die nächste Stufe in der Wertskala nehmen die Vierfüßler und andere Tiere ein, in denen vier Grundelemente (Tatwas) tätig sind, während das fünfte, der Äther, nahezu fehlt oder nur in sehr geringem Maß vorhanden ist. Das mutwillige Töten von Tieren, die einem anderen gehören, zieht somit nur eine Strafe nach sich, die dem Geldwert des betreffenden Tieres entspricht. Die nächste Stelle nehmen die Vögel ein, in denen drei Elemente wirken, nämlich Wasser, Feuer und Luft und die folglich als von geringem Wert betrachtet werden. Jenen Geschöpfen, in denen nur zwei Elemente lebendig sind – Erde und Feuer – und in denen die anderen drei in schlafender oder verborgener Form existieren, wird ein noch geringerer Wert beigemessen. Das sind Reptilien, Würmer und Insekten, die ohne die geringsten Bedenken oder Schuldgefühle getötet oder zertreten werden, da dies keine Bestrafung nach sich zieht. Den Wurzeln, Gemüse und Früchten wird der geringste Wert zuerkannt; in ihnen besitzt lediglich das Wasserelement Wirksamkeit und die Vorherrschaft, während alle anderen vier Elemente in untätigen Zustand ruhen. Karmisch betrachtet bildet also die Pflanzen- und Früchtenahrung jene Kost, die tatsächlich am wenigsten Schmerzen verursacht und uns mit der geringsten karmischen Schuld belastet, wenn wir uns von ihr ernähren. Wir sollten also mit dieser Art von Kost zufrieden sein, solange wir noch nicht ganz auf Nahrung verzichten können und nur noch etwas zu uns nehmen, was überhaupt keine Folgen nach sich zieht.
 
Lasst uns nun sehen, was uns das Essener Johannes-Evangelium in diesem Zusammenhang zu sagen hat:
 
Doch sie (die Jünger) antworteten: „Wohin, Meister, sollen wir denn gehen? Sind doch die Worte ewigen Lebens bei dir. Sage uns, welches sind die Sünden, die wir meiden müssen, damit wir nie mehr krank werden?“
 
Jesus antwortete: „Es geschehe nach eurem Glauben.“ Und er setzte sich mitten unter sie und belehrte sie: „Zu denen vor alter Zeit wurde gesagt: ‚Ehre deinen Himmelvater und deine Erdenmutter und halte ihre Gebote, damit du lange lebest auf dieser Erde.‘ Und das nächste Gebot lautet: ‚Du sollst nicht töten.‘ Gibt doch Gott allen das Leben, und was Gott gegeben, soll der Mensch nicht wegnehmen. Denn ich sage euch wahrlich, alles, was auf Erden lebt, kommt von der einen Mutter. Wer daher tötet, mordet seinen Bruder. Und die Erdenmutter wird sich von ihm abwenden und wird ihm ihre belebenden Brüste entziehen. Und ihre Engel werden ihn meiden, und Satan wird in seinem Leibe Wohnung nehmen. Und das Fleisch der erschlagenen Tiere wird in seinem Leibe zu seinem eigenen Grabe werden. Denn wahrlich sage ich euch, wer tötet, tötet sich selbst, und wer das Fleisch ermordeter Tiere isst, der isst vom Leibe des Todes … Und ihr Tod wird zu seinem Tode … Denn der Sünde Lohn ist der Tod. Tötet nicht, noch esst das Fleisch eurer unschuldigen Beute, damit ihr nicht Sklaven des Satans werden. Denn dies bedeutet den Pfad des Leidens, und er führt zum Tode. Tut vielmehr den Willen Gottes, damit seine Engel euch auf dem Weg des Lebens dienen mögen. Gehorcht daher den Worten Gottes: ‚Siehe, ich habe euch jedes Gras auf Erden gegeben, das da Samen trägt, und jeden Baum, dessen Frucht Samen birgt; sie sollen euch zur Nahrung dienen. Und jedem Tier auf Erden und jedem Vogel in den Lüften und allen, in denen der Atem des Lebens ist, gebe ich jedes grüne Kraut zur Nahrung. Auch die Milch aller Wesen, die auf Erden leben und sich bewegen, soll euch Nahrung sein; wie ihnen das grüne Kraut, so gebe ich euch ihre Milch. Doch Fleisch und das Blut, das ihm Leben gibt, sollt ihr nicht essen…“

Nun sagte ein anderer (Schüler): „Moses, der größte in Israel, erlaubte unseren Vorvätern, das Fleisch reiner Tiere zu essen, und verbot nur das Fleisch unreiner Tiere. Warum verbietest du uns denn das Fleisch aller Tiere? Welches dieser Gesetze kommt von Gott: Moses‘ Gesetz oder dein Gesetz?“
 
…Und Jesus sprach weiter: „Gott gebot euren Vorvätern: ‚Du sollst nicht töten.‘ Doch ihre Herzen waren hart, und sie töteten. Da wünschte Moses, dass sie wenigstens keine Menschen töten sollten, und er erlaubte ihnen, Tiere zu töten. Doch da wurden die Herzen eurer Vorväter noch härter, und sie töteten Menschen ebenso wie Tiere. Ich aber sage euch: Tötet weder Menschen noch Tiere, ja nicht einmal die Nahrung, die ihr in euren Mund führt. Denn eßt ihr lebende Nahrung, so wird sie euch beleben; doch tötet ihr eure Nahrung, so wird die tote Nahrung auch euch töten. Denn Leben kommt nur vom Leben, und vom Tod kommt immer nur Tod. Denn alles, was eure Nahrung tötet, tötet auch eure Leiber. Und alles, was eure Leiber tötet, tötet auch eure Seelen. Und eure Leiber werden, was eure Nahrung ist; gleich wie euer Geist wird, was eure Gedanken sind… So esst immer vom Tische Gottes: die Früchte der Bäume, die Körner und Kräuter der Felder, die Milch der Tiere und den Honig der Bienen. Denn alles, was darüber hinausgeht, ist des Satans, und es führt über Sünde und Krankheiten zum Tode. Die Nahrung dagegen, die ihr von der reichen Tafel Gottes esst, gibt eurem Leibe Kraft und Jugend, und Krankheit wird euch fernbleiben…“
 
 
 
 
Soziales Verhalten
 
Eine weitere Aufgabe der Heiligen ist, uns zu Menschen zu machen. Ihre erste und wichtigste Mission ist es, den Menschen das uneingeschränkte Anrecht auf das höchste Wissen über die Seele und All-Seele zu verleihen. Die Heiligen weisen den Wahrheitssuchenden an, die völlige Reinheit von Körper, Gemüt und Verstand anzustreben, was ihn erst zu einem vollständigen und heilen Menschen macht, bevor er sich daran wagen kann, den Gordischen Knoten zwischen Körper und Geist zu lösen. Ein verletzter und verstümmelter Mensch kann weder sich selbst noch Gott erkennen. Nach welchen Grundsätzen soll denn nun der Strebende sein Handeln ausrichten? Das ist die wichtigste und doch am wenigsten beachtete Frage, die meist gedankenlos übergangen wird. Die dürftigen Informationen, die uns allgemeinen zugänglich sind, verdanken wir entweder geistige Gemeinschaften, verstreuten Hinweisen religiöser Menschen oder dem Studium der heiligen Bücher. Die Menschen bemühen sich jedoch nicht einmal auf der Verstandesebene, ihrem Leben eine feste Richtung zu geben. Sie haben nie genug Zeit, sich mit dieser Frage zu befassen. Vielleicht hat die religiöse Engstirnigkeit oder dir Furcht der Priesterschaft nicht erlaubt, die Aufmerksamkeit der Massen diesem Problem zuzuwenden. Bei dem weit verbreiteten Materialismus mögen sie es als hoffnungslose Aufgabe empfunden haben, Ernährungsgebote aufzustellen. Doch trotz alledem gibt es einige Menschen, die ohne Vorurteile sind und die Literatur des Ostens unvoreingenommen studieren. Aber durch die besondere Ausdrucksweise, die ihnen gänzlich fremd ist, sehen sie sich dabei vielen Schwierigkeiten gegenübergestellt. Die Worte sind entweder in sich nicht deutlich genug oder geben das, was der Verfasser sagen wollte, nur ungenau wieder.
 
Die alten Weisen, die Rishis und Munis von einst, haben die Frage des menschlichen Lebens gründlich durchdacht. Sie haben seine verschiedenen Aspekte erschöpfend untersucht und einen vernünftigen Lehrplan und Übungsweg entwickelt, der dem Menschen auf der Suche nach seiner Vollendung hilft. Auf diese Weise wurde eine zufriedenstellende Richtlinie umfassender Kultur oder Neugestaltung ausgearbeitet, die das Wissen um das Selbst oder die Seele und das Erreichen der höchsten, endgültigen Wirklichkeit, der großen Wahrheit, einschloss. Sie begannen mit der planmäßigen Erforschung der angeborenen Eigenschaften (Gunas), dem Rückgrat und der Urquelle aller karmischen Aktivitäten, von der jede Bewegung des Gemüts ausgeht. Danach zergliederten sie diese Eigenschaften und teilen sie in drei ganz unterschiedliche Gruppen ein:
 
Harmonie und Wahrheit (Satogun): Die höchste Handlungsweise. Man kann sie als ein reines Leben in geistiger Ausgeglichenheit beschreiben.
Aktivität (Rajogun): So wird der Mittelweg des Handelns genannt. Eine geschäftsmäßige Haltung des Gebens und Nehmens.
Unwissenheit und Trägheit (Tamogun): Die niedrigste Handlungsweise, die allein auf selbstsüchtige Ziel gerichtet ist und keinerlei Gedanken an andere kennt.
 
Durch einige Beispiele wird das Thema verständlicher:
 
Bedenkt zum Beispiel die Frage des Dienens und Helfens:
„X“ hat es sich zum Grundsatz seines Lebens gemacht, anderen zu dienen, aber für das, was er getan hat, erwartet er von den anderen keinerlei Hilfe oder Dienst als Gegenleistung. Seine Lebensregel lautet: Tue Gutes und denke nicht mehr daran.
„Y“ dient und hilft und erwartet eine dementsprechende Gegenleistung. Das kann man mit einem Austausch von Dienstleistungen vergleichen, wie er im Geschäftsleben nach dem Grundsatz des Gebens und Nehmens oder des Tausches üblich ist: Behandle andere so, wie du auch behandelt werden möchtest.

„Z“ dient und hilft anderen überhaupt nicht; er glaubt vielmehr, dass er ein Recht auf Hilfe und Dienst hat, was ihn aber zu keinerlei Gegengabe verpflichtet.

Betrachten wir nun die Frage der Nächstenliebe:

„X“ gibt und vergisst und möchte dafür keinerlei Gegengabe; denn sein Grundsatz lautet, den Armen und Hilfsbedürftigen selbstlos zu dienen.
„Y“ gibt und erwartet für die guten Dienste, die er anderen erwiesen hat, irgendeine Art von Gegenleistung.
„Z“ erwartet Hilfe und Dienst, wann immer er in Not ist, doch er gibt dafür keinesfalls etwas zurück, selbst wenn ein anderer sich direkt vor seinen Augen in größter Not befindet.
 
Wir sehen also, dass das Verhalten von „X“ das beste ist und der höchsten Handlungsweise (Satogun) entspricht. Seine guten Taten zeichnen ihn vor den Augen aller Welt und vor seinem Schöpfer aus. „Y“ erntet keinen Ruhm für seine guten Taten, da sie durch sein geschäftsmäßiges Geben und Nehmen fast schon beglichen sind, so dass nichts mehr zu seinen Gunsten verbleibt. „Z“ andererseits belädt sich mit einer Bürde oder Last, zu deren Begleichung er sich den karmischen Auswirkungen ausliefert, die sich unter Umständen über Generationen ohne Ende hinzieht.
 
Die Meister raten uns also, den unter 1. geschilderten Weg zu gehen und auf keinen Fall den Weg von 2. zu unterschreiten, wenn das überhaupt nötig sein sollte. Wie oben beschrieben kann sich jeder von uns seinen Lebensweg vorzeichnen und seine Handlungsweise bestimmen. Soviel zum Verhalten des Menschen als Mitglied der Gesellschaft, der er angehört. Dies anzustreben, ist jedoch kein Ziel an sich, sondern nur ein Mittel zum Ziel – nämlich frei von Karma zu werden (neh-karma), das heißt, Karmas nicht nur ohne jede Bindung oder irgendein Verlangen nach ihren Früchten zu vollbringen, sondern als ein „Tun im Nichtstun“ (swadharm) und dann weiterzugehen, um das Selbst im Innern zu entwickeln und die Quelle aller Liebe, allen Lebens und allen Lichts zu erfahren, in der wir wirklich leben und unser wahres Sein innehaben, wie ein Fisch, der im Wasser lebt und dennoch nicht weiß, was Wasser ist.
 
 
 
 
 
Ein Leben der Selbsthingabe
 
Um auf dem spirituellen Pfad voranzuschreiten , ist es von höchster Bedeutung, die Frage des persönlichen Verhaltens (Ahar) zu beantworten. Für den Wahrheitssuchenden stellen der liebende Glaube und die völlige Hingabe an den Willen Gottes oder den seines Auserwählten die grundlegenden Prinzipien seines Leben dar.
 
Die Weisen und die Schriften sagen uns gleicherweise, dass wir, während wir in der Welt leben, uns nicht so verhalten sollten, als ob wir von der Welt seien, sondern eine Haltung der Selbstverleugnung oder des völlig Losgelöstseins von der Welt und allem, was weltlich ist, beibehalten sollten. Wir sollten also leben wie die Lotospflanze, die unten im Schlamm wurzelt, doch ihre Blüte weit darüber ins Licht der strahlenden Sonne erhebt, die über dem trüben Wasser scheint; oder wie der königliche Schwan, der majestätisch über die Oberfläche des Wassers, seines natürlichen Lebensraumes, gleitet und doch unbenetzt darüber hinwegfliegen kann, wenn er es will oder es ihm geboten scheint.
 
Diese Art unbeteiligter Absonderung oder Losgelöstheit von der Umgebung und vor allem von dem niederen Selbst, dem Körper, dem Gemüt und der Gefühlswelt, kommt nur zustande, wenn man das Ich oder den persönlichen Willen im Willen Gottes oder dem seines Gurus, des Gottmenschen, aufgehen lässt, denn dann handelt man wie eine Marionette in einem Pantomimentheater, die nach dem Willen des Drahtziehers der Bühne spielt und tanzt. Dieser Zustand, der uns bitten lässt: „Nicht mein Wille, sondern Dein Wille möge geschehen, o Herr!“ wird völlige Selbsthingabe genannt. Solch eine Haltung verhilft einem Menschen auf einfache Weise von Karma frei zu werden. Obwohl er augenscheinlich dies oder jenes bewirkt, tut er doch nichts mehr aus sich selbst, sondern führt nur den Willen Gott- Vaters oder des göttlichen Lehrers aus, denn er sieht in sich den göttlichen Plan, wie er ist, und treibt einfach dahin im großen Strom des Lebens und erkennt sich als bewusstes Werkzeug in den unsichtbaren Händen, die all seine Bewegungen lenken.
 
Selbsthingabe heißt also, dass man alles, was man hat, Gott oder seinem Auserwählten, dem Lehrer (Gott im Menschen) übergibt, einschließlich Körper, Besitz und das eigentliche Selbst (das denkende Gemüt). Dies bedeutet für das Individuum jedoch nicht den Zustand eines völligen Bankrotts der Handlungsfähigkeit, wie mancher zu denken geneigt dein könnte. Der allmächtige Gott und sein Auserwählter sind die Spender aller Dinge, und sie benötigen jene Gaben nicht, die sie ihren Kindern bereits umsonst und im Überfluss zu ihrem rechtmäßigen Gebrauch und Wohlergehen gewährt haben. Doch aus Unwissenheit betrachten wir sie als unser eigen und nehmen eine Haltung aggressiver Besitzstrebens ein. Wir versuchen sie mit allen Mitteln, ob recht oder unrecht, zu erlangen, und verteidigen sie dann eifersüchtig, ist aller Kraft. An diese Gaben gebunden und fest umklammernd, vergessen wir Ihn, den großen Geber. Dadurch schleicht sich unmerklich die große Täuschung in uns ein, die Grundursache all unserer Leiden. Diese Dinge, die wir erlangt haben, gehören natürlich uns, doch sie wurden uns als heiliges Gut zu unserem vorübergehenden Gebrauch gegeben, damit wir sie in Übereinstimmung mit dem Willen des Spenders nutzen, der zweifellos vollkommen, makellos rein und fehlerlos ist. Doch da wir im Bereich der Materie leben, können wir trotz all unserer Weltklugheit nicht vermeiden grobe Eindrücke an uns zu ziehen und ihnen zu erlauben, sich ungehindert Tag für Tag anzuhäufen, bis sie eine Mauer wie Granit um uns bilden. Wir verlieren dadurch unser klares Wahrnehmungsvermögen, werden der Wirklichkeit gegenüber blind und gelangen dazu, das Selbst in uns mit dem Körper (pinda) und dem physischen Gemüt (pindi-manas) zu identifizieren. Diese rauchgeschwärzten und mit Scheuklappen versehenen Gläser trüben unsere Sicht so sehr, dass wir die weiße Strahlung der Wirklichkeit nicht mehr erkennen können, sie bleibt uns verborgen, als ob wir durch einen Dom mit vielfarbigen Glasfenster blickten. Die Heiligen berichten uns von der Wirklichkeit und helfen uns, die täuschenden Gläser zu zerbrechen, die Scheuklappen, die unsere Sicht begrenzen, herunterzureißen und die Welt, die sich uns zeigt, als herrliches Gotteswerk zu erkennen. Sie sagen uns, dass die Welt, die wir sehen, eine Widerspiegelung Gottes ist und Gott in ihr wohnt. Da dies so ist, müssen wir Körper, Gemüt und Besitz, die Gaben Gottes, so sauber und rein halten, wie sie uns gegeben wurden, und wie sie in seinem Dienst und im Dienst für seine Schöpfung weise nutzen, wie es seinem göttlichen Willen entspricht, der bereits in das Grundmuster unseres Seins gewirkt ist; oder wie könnten wir sonst bestehen? Doch durch eine fortwährende Empfindung des Getrenntseins von der Wirklichkeit haben wir Gott im mächtigen Wirbel der Welt aus den Augen verloren, ebenso wie den Halt an den lebendigen Rettungsleine im Inneren: dem Licht und dem Ton Gottes. Die Heiligen gebieten uns, den Vorgang des Nachaußen-Wendens zur inneren Wirklichkeit hin umzulenken, indem wir die wahren Werte des Lebens verstehen lernen; denn das „Leben“ ist viel wertvoller als das Fleisch (der Körper); und das Fleisch ist mehr wert als das Gewand (weltlicher Besitz), mit dem wir unser geringes Selbst in Form von Körper und Gemüt bedecken. Beide sehen wir fälschlich als unser eigen an und verwenden sie bedenkenlos und selbstsüchtig für Sinnesfreuden und irdische Zurschaustellung. Wenn wir uns einmal über das Köperbewusstsein erhoben haben, wissen wir, was wir sind und wie wir unsere Gaben im Dienst an Gott und Gottes Schöpfung am besten nutzen können. Wir werden sie nicht länger zu sündhaften Handlungen, die aus sinnlichen Gelüsten und dem Wunsch nach Selbsterhöhung geboren wurden, missbrauchen und auch nicht als Mittel zu weltlicher Macht oder für persönlichen Nutzen und Gewinn einsetzen. Das war die große Lehre, die der Weise Ashtavakra dem König Janaka vermittelte, nachdem er ihn eine tatsächliche Erfahrung der Wirklichkeit gegeben hatte. In der Tat müssen wir nichts anderes aufgeben als das egoistische Verhaftetsein an die Schatzkammer des Herzens. Dadurch werden wir nicht ärmer, sondern lenken weit mehr der liebevollen Gaben des höchsten Vaters auf uns, wenn er die Weisheit seines Kindes sieht, das einst war wie der verlorene Sohn, doch nun klüger geworden ist. Das wird Hingabe des niederen Selbst genannt, mit allem, was zu ihm gehört, also mit Körper, Gemüt und Besitz, um des höheren Selbst, der Seele willen, wie es dem göttlichen Willen entspricht, und um das wahre Ziel des Lebens zu erreichen, nämlich frei zu werden von Karma.
 
Ein Beispiel zum besseren Verständnis: Aus der Zeit Guru Arjans, dem fünften Guru nach Nanak, wird uns von einem vorbildlichen Schüler (Sikh) namens Bhai Bhikari berichtet. Einst bat ein Schüler den Guru, ihn mit einem ergebenen Schüler, einem Gurbhakta, bekannt zu machen. Der Guru sandte ihn mit einem Brief zu Bhai Bhikari und bat ihn, ein paar Tage bei dem frommen Bhai zu bleiben. Bhikari empfing seinen Glaubensbruder sehr herzlich und bewirtet ihn, so gut er nur konnte. An dem Tag, als er ankam, nähte sein Gastgeber gerade in aller Ruhe an einem Stück Stoff, das wie ein Leichentuch aussah. Nachdem der Schüler ein paar glückliche Tage in der Gesellschaft Bhais verbracht hatte, wollte er wieder heimkehren, aber Bhikari bat ihn, noch ein wenig zu bleiben und der Hochzeit seines Sohnes beizuwohnen, die sie bald feiern würden. Da sein Gastgeber ihn so liebevoll bedrängte, stimmte er zu. Der Hochzeitstag nahte. Im Haus wurde gefeiert, doch Bhikari blieb so ruhig wie immer. Wie allen anderen, begleitete der Schüler den Hochzeitszug, nahm an den fröhlichen Trauungsfeierlichkeiten teil und ging mit den Brautleuten zum Hause Bhikaris zurück. Doch wie es das grausame Geschick befahl, wurde am nächsten Tag Bhikaris einziger Sohn, der frisch vermählte junge Mann, ganz unvermittelt krank und starb. Bhikari nahm ruhig das Tuch heraus, das er vor ein paar Tagen für diesen Zweck genäht hatte, hüllte den toten Körper seines Sohnes darin ein, trug ihn zum Verbrennungsplatz und vollzog das letzte Ritual mit der für ihn üblichen Gelassenheit. Der Schüler war sprachlos vor Staunen über Bhikaris unerschütterlichen Gleichmut, der von allen Wechselfällen des Lebens unbeeinträchtigt blieb, denn er bemerkte in Bhikari nicht eine Spur von Freude oder Kummer, sondern völlige Ergebenheit in den Willen des Herrn. Bhai hatte ihn von Anfang an gekannt und befolgt, ohne persönliche Gefühle oder die geringste Gemütsbewegung zur Schau zu stellen.
 
Guru Nanak betet immer: „O Herr! Tue nicht das, was ich erbitte, sondern lasse Deinen Willen geschehen.“
 
Ähnlich bezeichnete sich Sant Kabir häufig als einen Hund namens Moti und schrieb alle seine Taten seinem Herrn und Gott zu, der die Leine in den Händen hielt und ihn zog, wohin Er wollte.
 
Christus betete immer: „Dein Wille geschehe, im Himmel wie auf Erden.“ „Dein Wille geschehe“ war auch stets das Schlusswort der täglichen Gebete der Hindu-Mönche, Moslem-Derwische und christlichen Priester, denen die Worte „Tatha Astu“ oder „Amen“ folgten, die „Möge es so sein“ bedeuten.
 
Aus Vorstehendem sollte deutlich zu erkennen sein, wie sehr wirklich aufrichtigen Schülern des Meisters und auch dem Meister selbst bewusst ist, dass sie keine eigene, individuelle Existenz getrennt von der des Gottmenschen oder von Gott haben. Solche Menschen lesen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wie in einem offenen Buch und handeln in Übereinstimmung mit dem göttlichen Plan. Das führt zu dem unweigerlichen Schluss, dass Gott jenen Seelen hilft, die seinen Willen befolgen. Doch das gilt nur für Menschen mit starkem Glauben, es ist kein Rettungsweg für den gewöhnlichen Menschen, der immer auf der Sinnesebene lebt; denn er wird durch das Gesetz beherrscht: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott“. Jede Art von Selbsthingabe bringt rasch ihre eigene Frucht, die der Tiefe des Glaubens entspricht und der Ebene, auf der sie erfolgt. Wenn man auf dem Pfad fortschreitet, lernt man durch allmähliche Erfahrung den vollen Wert der Selbsthingabe kennen, bis man ein Stadium erreicht, in dem man das Ich oder Ego gänzlich im göttlichen Willen verliert, selbst frei wird von Karma und somit die Krönung und Herrlichkeit aller menschlichen Existenz verwirklicht. Der liebende Glaube an die Gott innewohnende Güte und die völlige Selbsthingabe an den göttlichen Willen führen uns also auf die erhabene Straße der Spiritualität, ohne dass der Strebende länger größere Mühen auf sich nehmen muss. Diese beiden Eigenschaften stellen das geheime „Sesam, öffne dich“ und den magischen Schlüssel dar, der die Tore zum Reich Gottes weit aufstößt. Dieses Reich liegt im Inneren des Tempels des menschlichen Körpers, den jeder von uns besitzt. Alle Schriften künden: „Wisset ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“
 
 
 
 
 
Karma

Ein Brief von Meister Sawan Singh
 
In der Schöpfung sind der höchste Schöpfer und die individuelle Seele durch den Tonstrom miteinander verbunden. Aber Kal, die negative Kraft, die auch eine Schöpfung des höchsten Wesens ist, trennt die einzelne Seele von diesem Strom, indem sie als Gemüt und Form dazwischentritt.
 
Daher fühlt sich die einzelne Seele getrennt, doch nicht so der Schöpfer. Es gibt drei Arten von Gemüt, und diesen entsprechen drei Arten von Formen. Auf der Stufe der Kausalebene (Trikuti) bedeckt das innerste Gemüt (Nijman) oder das universale Gemüt (Brahm) den Geist oder die Seele. Die Umhüllung der Seele besteht hier aus sehr feinem Gemütsstoff (Maya), so rein, dass die Mehrzahl der Suchenden den Geist nicht als getrennt von diesem vergänglichen Gemütsstoff erkennt und daher das universale Gemüt als allesdurchdringend betrachtet. Weiter unter in der Astralebene (Sahasdal Kanwal) erhalten die Formen der Kausalebene (Trikuti) weitere Umhüllungen aus Gemüt und Form, die grobstofflicher als die zuerst erwähnten sind. Die astrale Form wird hier vom astralen Gemüt (Andi Man) beherrscht.
 
In dieser Zonen gibt es Höllen, Himmel und zahlreiche andere Regionen (Lokas). Die Neigungen diesen Gemüts sind erhebend und nach innen gerichtet. Es verhält sich wie ein weiser Feind, der versucht, uns hier zu halten. Noch weiter unten, in der physischen Form (Pind) erhält die Astralform eine weitere Umhüllung grobstofflichen Materials, mit dem wir alle vertraut sind.
 
Das Gemüt, das diese Form beherrscht, wird physisches Gemüt oder Verstand (Pindi man) genannt. Seine Neigungen richten sich nach außen und zersplittern sich, und es ist sehr schwer zu beherrschen. Nur ein Körper, der von Gemüt und Seele bewegt wird, nicht anders als Ursachen (Karma) schaffen; und das karmische Gesetz „Wie du säst, so wirst du ernten“ wirkt unaufhörlich weiter, und die Rechnung wird mit der Zeit unüberschaubar. Je mehr wir bewirken, umso größer die Verstrickung, und wir sind dann wie ein Vogel, der in den Maschen eines Netzes flattert.
 
Die negative Kraft (Kal) hat die Fallstricke der Formen und Gemüter so listig gelegt, dass es beinahe unmöglich ist, in diesen Gemütern und Formen ihrem Einfluss zu entkommen. Es spielt keine Rolle, wie gut oder fromm wir handeln, unsere Taten können uns aus diesen Regionen nicht herausführen. Krishna sagte: „Gute Handlungen sind ebenso bindend wie schlechte. Gute Handlungen kann man mit Fesseln aus Gold und schlechte mit Fesseln aus Eisen vergleichen; beide halten uns gleichermaßen gebunden.“ Ein Entkommen ist nur durch den Tonstrom möglich, da er die Grundsubstanz ist, aus der die Gemüter bestehen.
 
Das Gemüt wird nur ruhig und untätig, wenn die Aufmerksamkeit den Tonstrom ergreift und ihm folgt. Zu jeder anderen Zeit, wenn die Aufmerksamkeit nicht auf den Tonstrom gerichtet ist, gewinnt das Gemüt die Oberhand. Während der langen und unabsehbaren Zeit, seilt sich der Geist von dem Meer (aus dem er stammt) getrennt hat und sich mit den Gemütern und Körpern verband, wurde nicht nur der Weg nach oben versperrt, sondern auch der Geist so verwirrt, verstrickt und entkräftet, dass er seine ganze Erinnerung an die Heimat verloren hat und damit zufrieden ist, in dieser erbärmlichen materiellen Welt ein erbärmliches Leben zu führen.
 
Es gibt also zwei Standpunkte, von denen man aus die Schöpfung betrachten kann: den des Schöpfers und den unseren, oder mit anderen Worten den vom oberen und dem vom unteren Ende. Von oben sieht es aus, als sei der Schöpfer alles in allem. Er ist der einzig Handelnde, und das Individuum gleicht einer Puppe, die vom Puppenspieler nach rechts oder nach links bewegt wird. Der einzelne scheint keinen freien Willen zu besitzen und daher auch keine Last der Verantwortung.
 
Es ist Gottes Spiel. Da gibt es kein Warum und Wofür. Alle Heiligen beschreiben die Schöpfung, wenn sie von oben auf sie blicken, als Seine Offenbarung. Sie sehen Ihn überall wirken. Wenn wir die Sache nun von unten oder aus der Sicht des einzelnen betrachten, begegnet uns Vielfalt im Gegensatz zur Einheit.
 
Jeder scheint durch seinen eigenen Willen zu wirken. Außerdem wird er von anderen beeinflusst und wirkt selbst auf andere ein, mit denen er in Verbindung kommt. Das Individuum ist der Handelnde und daher für seine Taten und deren Folgen verantwortlich. Seine ganzen Handlungen werden im Gemüt und dem Gedächtnis aufgezeichnet und rufen Zuneigung und Abneigung hervor, die ihn an die materiellen, astralen oder mentalen Bereiche gebunden halten, wie es seinen früheren Handlungen im Kreislauf der Seelenwanderung entspricht. In diesen Regionen kann der einzelne nicht anders als handeln, und wenn er etwas getan hat, kann er den Auswirkungen dieser Tat nicht entgehen. Der einzelne ist der Handelnde und muss daher die Folgen seiner Taten auf sich nehmen.
 
Wie oben gesagt, unterscheiden sich die Beobachtungen durch ihren unterschiedlichen Standpunkt. Beide sind richtig. Das in grobe materielle Gestalt gekleidete Individuum sieht nur die äußeren körperlichen Formen. Sein Blick dringt nicht tiefer. Wenn sich der Mensch erheben würde, könnte er von der Astralebene aus sehen, wie das Gemüt alle Formen bewegt. Die Form ist nur zweitrangig, das Gemüt ist die bewegende Kraft, die hinter allem steht. Von der Superkausalebene aus wird das gleiche Individuum den Geistesstrom überall wirken sehen und erkennen, wie das Gemüt seine Kraft von der Seele erhält.
 
Von der fünften spirituellen Ebene (Sach Khand) aus betrachtet, kann man die ganze Schöpfung mit Blasen vergleichen, die in einem spirituellen Meer entstehen und wieder vergehen. Der Mensch besitzt einen Verstand und vollbringt jede Handlung wissentlich. Es ist daher seine Pflicht, einen Ausweg aus dieser Verstrickung zu finden. Er muss gegen das Gemüt kämpfen, um seinen Geist zu erheben, denn er lebt durch den Kampf.
 
Und wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Er kann nicht sagen, dass das nicht ein Teil seiner Pflicht sei.
 
Nun teilt man die Karmas in drei Gruppen ein: neue Handlungen (Kriyaman), Schicksal (Pralabdh) und Vorrat (Sanchit), das heißt Handlungen, die noch nicht Frucht getragen haben. Man kann es mit der Lage eines Bauern vergleichen: Er bereitet sein Land für die Saat und hat die freie Wahl zu säen, was immer er will. Nehmen wir an, er entscheidet sich für Weizen und sät ihn. Das Getreide reift heran, und er erntet es. Einen Teil davon behält er für seinen Verbrauch im kommenden Jahr zurück, und den Überschuss bewahrt er auf. Während des nächsten Jahres wird er von Weizen leben müssen, denn er hat nichts anderes.
 
Wenn er nun etwas anderes ernten möchte, sagen wir einmal Mais, kann er ihn im nächsten Jahr säen. Wie beim Weizen behält er etwas für seinen Gebrauch und bewahrt den Überschuss im Speicher auf. Jahr für Jahr lebt er von dem, was er im vergangenen Jahr zurückbehalten hat und vergrößert seine Reserve im Speicher, um sie bei einer Missernte oder in Notzeiten in Anspruch zu nehmen.
 
Ihr seht, dass er von dem lebt und zu leben hofft, was er selbst sät und erntet. Genauso bestimmt alles was wir in diesem Leben tun, das Schicksal unserem nächsten Lebens; und die negative Kraft (Kal) bewahrt etwas davon auf für den Fall, dass unser Karma durch einen Zufall zur Neige gehen sollte (natürlich ist die Wahrscheinlichkeit gleich null). Ohne Karma kann die negative Kraft einen Geist nicht im Körper gebunden halten, und ohne Körper kann man kein Karma bewirken.
 
Es steht der negativen Kraft frei, dem Schicksal etwas aus dem Vorrat hinzuzufügen oder dem Schicksal für den Vorrat abzuziehen. Wie der Bauer, der sein Land für die nächste Saat bereitet, von dem lebt, was er im Jahr davor geerntet hat, und auf seinen Vorrat vertraut, handeln wir gemäß unserem Schicksal, das uns keine Wahl lässt. Aber wir haben die Wahl, für unser zukünftiges Wohlergehen nach unserem Belieben etwas Neues zu bewirken. Und wir haben keine Rücklage, einen Vorrat aus vergangenen Leben, von dem wir nichts wissen. Wir wirken daher gegenwärtig auf zweifache Weise: a) Was unser Schicksal betrifft sind wir hilflos; b) doch bei neuen Handlungen haben wir die freie Wahl, was wir für die Zukunft säen wollen. Es ist nicht einfach für den einzelnen, allein mit dem Verstand zwischen diesen beiden Arten von Handlungen zu unterscheiden. Aber man kann folgende grobe Regel aufstellen: Das was trotz unserer Bemühungen und unser Dazutun geschieht, ist Schicksal. Doch jene, deren Aufmerksamkeit konzentriert ist und die Zugang nach innen haben, können ihr Schicksal leicht lesen. Es ist ein offenes Buch für sie.
 
Im physischen Körper gehen die Handlungen vom Herzzentrum aus. Solange das Gemüt hier gesammelt ist (beim gewöhnlichen Menschen ist das Herz das Zentrum der Gemütstätigkeit), wird der Mensch von Gemütsbewegungen beeinflusst. Er nimmt die Empfindungen von Freude und Trauer wahr, da das Gemüt den Körper von diesem Zentrum aus bewegt. Wenn der Geist durch Konzentration zum Augenbrennpunkt erhoben wurde, oder mit anderen Worten, wenn die Aufmerksamkeit ihren Sitz oder ihr Zentrum vom Herz zu den Augen verlagert hat, dann werden die durch äußere Einflüsse hervorgerufenen Gefühle, die sich auf den physischen Körper auswirken, nur mehr unmerklich wahrgenommen.
 
Die Freuden der Welt werden einen solchen Menschen nicht erheben, und ihre Sorgen werden ihn nicht betrüben. Die Schicksalshandlungen sind im achtblättrigen Lotos auf der Astralebene (Anda) über den Augen gespeichert. Solange man dieses Zentrum nicht überschritten hat, empfindet man ihren zwingenden Einfluss. Wenn man dieses Zentrum überschritten hat und die Gestalt des Meisters erblickt (denn diese Form wohnt dort), wird der Einfluss der Schicksalshandlungen nur mehr dem Namen nach wahrgenommen. Das Gemüt ist dann stark geworden und hat die Kraft, sie ohne Anstrengung zu ertragen.
 
Aber das Schicksal kann nicht ausgelöscht oder geändert werden; man muss es ertragen. Hat der Pfeil den Bogen verlassen, muss er sein Ziel finden. Die Handlungen, die sich noch nicht ausgewirkt haben, sind am höchsten Punkt der Kausalebene (Trikuti) gespeichert, und nur wenn eine Seele die dritte Gemütsebene oder die Kausalebene überschritten hat, kann man sagen, dass sie von allem Karma frei ist. Unterhalb dieser Ebene leidet der Geist durch die schlechten Auswirkungen des Karmas.
 
Allen Handlungen liegt ein Motiv zugrunde, und dieses Motiv ist bindend. Es ist nicht leicht, sich eine Handlung vorzustellen, die ohne Beweggrund ausgeführt wird. Das Gemüt wirkt bewusst der unbewusst, und es ist lächerlich, von Handlung (Karma) ohne Rückwirkung (Gegenkarma) zu sprechen. Es gibt kein Entkommen vor den Rückwirkungen. Wie gut unsere Handlungen auch sein mögen, ihren Folgen können wir nicht entrinnen. Nächstenliebe, Opfer oder Pilgerfahrten müssen belohnt werden, und die Seele, die sie bewirkt, muss den Lohn in der einen oder anderen Verkörperung empfangen.
 
Der Mensch wird mit einer Lebensspanne wiedergeboren oder verkörpert, die durch die karmischen Auswirkung seines vergangenen Lebens bestimmt ist, „nicht mehr und nicht weniger“. Christus sagt: „Deine Tage sind gezählt.“ Die Länge unseren Lebens ist durch die Zahl der uns zugemessenen Atemzüge bestimmt. Ihr rechter Gebrauch oder Missbrauch kann unser Leben auf Erden verlängern oder verkürzen. Normalerweise atmet man etwa 14 oder 15 mal in der Minute, aber in leidenschaftlichen Augenblicken atmet man 24 bis 26 mal in der Minute. Auf diese Weise verbraucht man die einem zugemessene Zahl an Atemzügen in einer kürzeren Zeit. Führt man jedoch ein enthaltsames Leben und widmet den spirituellen Übungen Zeit, verringert sich die Anzahl der benötigten Atemzüge auf vier bis sechs pro Minute. Auf diese Weise wird das Leben verlängert. Die Yogis lenken monate- und manchmal jahrelang ihren Atem durch eine Yoga-Übung (Kumbhak), bei der die Einatmung zeitlich ausgedehnt wird, und verlängern dadurch ihr Leben um Hunderte von Jahren.
 
Doch durch den Schutz, den einem die Heiligen gewähren, kann man seinem Karma entrinnen. Sie selbst sind ohne Karma. Ihre Handlungen binden sie nicht, denn ihr Geist wirkt, wie eben beschrieben, von der Superkausalebene aus, einem Zentrum über den drei Bereichen des Gemüts und der Form. Sie zeigen uns den Ausweg.
 
Sie sagen, dass wir alle weiteren Handlungen im Namen des Meisters ausführen sollen, wobei der einzelne in der Eigenschaft eines Beauftragten handelt. Die neuen, in diesem Geist bewirkten Handlungen werden uns nicht mehr binden. Und die Auswirkungen der Handlungen, die unser Schicksal bestimmten, werden zur Zeit unseres Todes abgetragen sein. Die Wirkungen der aufgespeicherten Handlungen nehmen die Heiligen teilweise auf sich, und zum Teil muss sie der Ergebene erdulden, so wie der Heilige es für richtig hält. Die Heiligen verbinden die getrennte Seele mit dem Tonstrom, unserem Urgrund, und wenn die Seele ihn ergreift, sich erhebt und sich von den Einflüssen des Gemüts und der Materie befreit, wird sie immer stärker. Je mehr sich der einzelne auf diese Weise bemüht, um so leichter ist der Pfad für ihn. Anderenfalls wird sein Weg länger. Aber haben die Heiligen jemanden einmal initiiert, sind sie verpflichtet, ihn hindurchzubringen. Das Hören auf den Tonstrom schneidet die Wurzeln des Karmas ab.
 
Der Strom wirkt auf den Geist wie ein Magnet. Er zieht den Geist an sich, und wenn er nicht vom Rost des Gemüts und der Materie bedeckt wäre, stiege er auf wie ein Geschoss. Der Rost von Bindungen und Eindrücken wird durch Wiederholungen beseitigt. Die Wiederholung von Gedanken über die innere Reise (Simran) ersetzt unsere alltäglichen Gedanken, und anstatt im Äußeren umherzuwandern, beginnt das Gemüt im Inneren Ruhe und Frieden zu finden; und wenn das Gemüt ins Innere tritt, folgt ihm der Geist, und wenn dieser nach innen gelangt, zieht ihn der Tonstrom wiederum nach oben. Und hat er die Kausalebene (Trikuti) überschritten (was nur gelingt, wenn allen karmischen Rechnungen beglichen sind), dann kehrt die Seele nie wieder in den Kreislauf der Seelenwanderung zurück. Sie steigt auf, um in ihrem Meister aufzugehen.

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