Kapitalistisches Russland.
Ein Reisebericht (von 2014)

Porsche vor dem Kreml. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft stark auseinander. Dem prowestlichen neoliberalen Kapitalismus sei dank.

Ein kurzer Erfahrungsbericht von mir, den ich soeben wiederentdeckt habe, über meine halbjährige Reise nach Minsk und Moskau in 2014, mit Fokus auf das System in Russland:
„Nachdem ich jetzt 3 Monate in Minsk und knapp zwei Wochen in Moskau gelebt habe, würde ich Russland nicht allzu sehr romantisieren (von wegen gelebter Sozialismus und so) – Russland ist zum Teil noch kapitalistischer als Deutschland. Jedes zweite Auto in Moskau kostet mehr als 40.000€. Jedes dritte ist ein neuer Geländewagen von BMW, Mercedes, Porsche, Toyota, Volvo oder ähnliches. Eine Wohnung im beschissensten Viertel (z.B. Butowo, 17km vom Zentrum entfernt) in einem hässlichen Plattenbau kostet 2000-3000€ pro qm – ein bescheidenes Haus in Zehlendorf ist wahrscheinlich erschwinglicher als eine 3-4-Zimmer-Wohnung in Butowo. Eine kleine 2-Zimmer-Wohnung in einer alten nicht so sehr attraktiven Stalinka, 20 Minuten zu Fuß vom Kreml entfernt kostet 1000€ im Monat. Die Leute sind hier (in Moskau) fast genauso fett wie in Deutschland. Der Anteil an „Ausländern“ (fast alle aus ehem. Staaten der UdSSR, aber auch aus Afrika) alarmierend hoch, was zeigt dass die Wirtschaft hier genauso räuberisch und sklaventreiberisch ist wie im Westen, da ein hoher Anteil an Ausländern aus armen Ländern die Löhne der Einheimischen unten hält. Auch hört man immer wieder davon, dass die „Gastarbeiter“ regelrecht als Sklaven gehalten werden – Pässe beschlagnahmt, zusammengepfercht in herabgekommen Unterkünften und für einen absolut beschissenen „Lohn“. Drecksjobs (Bau, Putzarbeiten, etc) erledigen fast ausschliesslich „Ausländer“ (für mich, als Sowjetnostalgiker, gehören alle Bürger der ehemaligen Sowjetunion immer noch mit dazu, daher die Anführungszeichen). Dementsprechend ist der Rassismus hier in Moskau ziemlich hoch – in Wohnungsanzeigen wird in jeder zweiten darauf hingewiesen, dass nur Staatsangehörige Russlands mit slawischem(!) Aussehen genommen werden. Auf der anderen Seite sind Läden wie z.B. das Cafe eines Deutsch-Russen („Ess-Thetik“), wo Bratwürste für 10€ über die Ladentheke gehen, stets gut gefüllt. Schon nach zwei Tagen in Moskau kochte ich vor Neid. Nicht mal in München, wo ich zwei Jahre gelebt habe, wird so mit Geld um sich geworfen.

Etwas anders ist es in Minsk. Auch wenn auch hier der Kapitalismus trotz der „eisernen Hand“ Lukaschenkos längst Einzug gehalten hat, so ist die Schere zwischen Reich und Arm bei weitem nicht so krass, wie in Moskau – hier sind alle arm 😉 Nein, Spaß 🙂 die Leute sind zwar relativ arm, leben aber den Umständen entsprechend (kein Öl, kein Gas, keine Nenneswerten Exportschlager, ausser irgendsonem Salz) ganz ok. Auch gibt es hier eine relativ wohlhabende Mittelschicht. Drogendealer werden hier anders als in Deutschland mit langjähriger Haft bestraft (bis zu 12 Jahren, glaube ich, wenn nicht noch mehr). Schon für kleinere Mengen verschwindet man für mehrere Jahre im Knast, während in Deutschland ich den Eindruck habe (wenn ich z.B. Vom Görlitzer Bahnhof zum Görlitzer Park spazieren gehe) dass Kleindealer bald genauso wie Prostitution legalisiert werden und anfangen werden Steuern zu zahlen.  Auch gibt es in Weißrussland kaum Ausländer – die Drecksjobs erledigen die Weißrussen selbst und zwar bei angemessener Entlohnung, die zum Teil höher liegt als bei manch einem beim Staat angestellten Ingenieur (aktuelle Anmerkung: während junge Uni-Absolventen die ich kennen lernte zwischen 300$ und 500$ verdienten hatte ich unter anderem ein Angebot für 800$ als Packer im Lager eines Mineralwasserherstellers zu arbeiten – zum Glück habe ich mich aber einen Tag zuvor am Rücken verletzt, als ich einem Mädchen, das  55 kg wog zeigen wollte wie stark ich bin und sie unaufgewärmt über  Kopf hob 😉 Zum Glück deshalb weil ich später von einem Deutsch-Schweizerischen Unternehmen in Minsk ein Angebot für 1650€ Netto monatlich bekommen habe). Jedenfalls sieht man in Minsk Ausländer  hauptsächlich in Form von Studenten, sodass dementsprechend auch Ausländerfeindlichkeit hier praktisch Null ist. Afrikaner können sich daher in Minsk und Weißrussland absolut sorgenfrei bewegen. Nur Kaukasier werden bei Großveranstaltungen von der Polizei verstärkt kontrolliert. Jedoch als ich dies feststellte lief in Minsk die Hockey-Weltmeisterschaft und aufgrund von zahlreichen Anschlägen in Russland und offener Grenze mit Russland kann man das glaube ich denen kaum verübeln. In Deutschland werden Südländer auch ohne regelmäßige Anschläge auf Bahnhöfen ständig kontrolliert.

Dennoch hat mich Moskau auch positiv überrascht: die Stadt ist im großen Zentrum schöner als ich dachte und auch in Bezug auf Ausländergewalt viel ruhiger als ich befürchtete. Wer, wie ich, in Berlin-Neukölln groß geworden ist, wird sich hier in dieser Hinsicht nicht unwohl fühlen 🙂 ich denke da gibt es in Berlin damit viel mehr Probleme.

Bei so vielen negativen Worten muss man bedenken, dass das Land seit den 90ern von US-kontrollierten Eliten beeinflusst wenn nicht kontrolliert wird. Deren Macht kann Putin ohne zu stalinistischen Mitteln zu greifen nur langsam schwächen. Jedoch sehnen sich sehr viele Russen angesichts der zahlreichen Probleme in Russland nach solchen (also stalinistischen und in Bezug auf Korruption zweifelsfrei effektiven) Methoden“

Siehe ergänzend auch diesen Beitrag auf meinem Blog:

http://bullshitfree.info/nikolai-starikov-kritisiert-die-russische-regierung-fuer-ihren-prowestlichen-wirtschaftspolitischen-kurs/

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